Zurück zur Übersicht
 

ENTLANG DER SüDKüSTE ISLANDS

VON CHRISTOF J. HUG-FLECK

 
Starte Diaschau
 

Die Südküste Islands hat im Gegensatz zu den anderen Küstenregionen ihren eigenen Charakter. Von Höfn bis Selfoss sind seit der letzten Eiszeit ausgedehnte Sandflächen entstanden. Gleichzeitig verwehrt dieser Küstenabschnitt jeglichen Hafenbau durch seine Sandküsten. 

Riesige Sandurflächen und Wasserfälle
In den Warmzeiten zwischen den vielen Eiszeiten der letzten 2 Mio. Jahre stand der Meeresspiegel wesentlich höher, und eine ausgeprägte Brandungsplattform mit Steilküste konnte sich entwickeln. Diese Brandungsplattform liegt in einer durchschnittlichen Tiefe von 100 - 130 m unter dem heutigen Meeresspiegel und wird von Basalt aufgebaut. Die ehemalige Steilküste ist besonders gut bei Núpsstadir, Foss, Kirkjubaejarklaustur und von Vik bis zum Seljalandsfoss zu sehen. Alle Flüsse, die in diesem Bereich nach Süden entwässern, fallen in teils imposanten Wasserfällen diese fossile Steilküste hinunter: Seljalandsfoss, Skógafoss, Foss und viele andere.
Als die gewaltigen Schmelzwassermassen am Ende der Eiszeit unvostellbare Sand- und Geröllmassen zum Meer schwemmten, wurde die Brandungsplattform immer weiter zusedimentiert. Heute weiß man durch seismische Untersuchungen, dass die riesigen Sanderflächen 50 - 100 m mächtig sind und dieser basaltischen Plattform aufliegen. Das Gefälle liegt meist unter 1° und die weite Ebene wird nur hier und da durch alte Flussläufe und ihre Seitendämme unterbrochen.
Bei großen Gletscherläufen (Vulkanausbrüche unter dem Gletscher) kann sich die Küstenlinie innerhalb von wenigen Stunden um einige Meter weiter ins Meer verlagern - so zuletzt geschehen im Jahr 1996. Die jährliche Schuttzufuhr auf den Sanderflächen schätzt man auf 49 Mio. Tonnen. Für den Straßenbau Islands waren diese Sanderflächen schwere Hindernisse. Erst seit 1974 ist es möglich, auch zu Hochwasserzeiten im Sommer die Ringstraße 1 ständig zu befahren. Eine 964 m lange Brücke - die längste Islands - über die Skeidará schloss die letzte Lücke. Früher konnte das Hochwasser die Brücken wie Spielzeug wegreißen. Heute setzt man die Brückenfundamente so weit in den weichen Sand, dass auch ein kräftiges Hochwasser sie nicht mehr umreißen kann. Allerdings werden die aus losem Schotter zusammengeschobenen Auffahrten noch des öfteren weg gespült, aber bei den Sandmassen kann ein Bulldozer in kurzer Zeit eine neue Auffahrt zusammen schieben. Um auch dies so weit wie möglich zu vermeiden, wird der fast bettlose Fluss schon einige Kilometer vor der Brücke durch Dämme auf die Brücke zugeleitet. Die Dämme grenzen immer wieder einzelne Becken ab, in denen sich das Hochwasser beruhigt und seine Sand- und Geröllfracht ablädt. Dadurch werden die Dämme auf natürlich Weise gefestigt und ein reibungsloser Straßenverkehr auch bei starkem Hochwasser gewährleistet. Um die ungebremste Urgewalt dieser Schmelzflüsse zu verstehen, sollte man einige Minuten die Flut der Skeidará bei der Brücke beobachten (Ringstraße

Gletscher und Eisseen
Ein Erlebnis besonderer Art ist eine Fahrt entlag dem größten Gletscher Islands, dem Vatnajökull. Weit über ein Dutzend Gletscherzungen ergießen sich vom Eisplateau des Vatnajökull in die Küstenregion. Die breiteste Gletscherzunge ist der Skeidarárjökull. An der schmalsten Stelle ist er 8 km breit; wo er sich wie ein zäher Brei in die Sandurfläche ergießt, erreicht er eine Breite von über 20 km. Die Eismassen bringen so viel Geschiebefracht mit, dass die abschmelzende Gletscherstirn vollständig von diesem Gesteinsschutt eingedeckt wird, und das Eis sieht aus wie ein gewöhnlicher Moränenhügel.
Von der Ringstraße 1 aus sind die vielen Schmelzwasserseen und -tümpel in dem flachen Sandurgelände nicht zu sehen. Aber die vielen Endmoränenwälle, die vom letzten Gletscherhöchststand gegen Ende des 19. Jhdt. zeugen, kann man gut sehen.
Der Skeidarárjökull hat den gewaltigen Skeidarársandur aufgeschüttet. Die Sandurfläche ist in Ost/West-Richtung rund 50 km breit und die Schmelzwässer der Skeidará fließen vom Gletscher bis zum Meer etwas mehr als 25 km über die Sandurfläche. Im Nationalpark von Skaftafell gehen noch viele kleinere Gletscher zu Tal. Der Morsárjökull stürzt über eine hohe Felsklippe zu Tal - das Donnern der tonnenschweren Eisblöcke ist auf der Westseite von Skaftafell deutlich zu hören. Weiter unten endet die Gletscherzunge in einem kleinen Stausee, in dem einige kleine Eisberge schwimmen. Direkt östlich von Skaftafell erstreckt sich der ca. 8 km lange Skaftafellsjökull; etwas weiter der Svinafellsjökull. Beide Gletscher sind zu Beginn des 20. Jhdt. in der Sanderfläche noch zusammen geflossen. Eine besonders schöne Endmoräne hat der Kviárjökull am Ende des 19. Jhdt. zurück gelassen. In der zweiten Hälfte des 19. Jhdt. hatten die Gletscher der Nordhalbkugel einen Höchststand - eine kleine Eiszeit. Die Auslaufgletscher des Vatnajökull sind von 1700 bis 1850 gut 500 m länger geworden. Seit 1890 haben sie sich aber wieder um rund 1200 m verkürzt. Der Skeidarárjökull hat sich an seiner Westseite seit 1930 sogar um 2200 m zurück gezogen. Östlich des Öraefajökull haben die Gletscherzungen des Breidamerkurjökull tiefe Gletscherseen hinterlassen. Die zwei größten sind der Breidamerkurlón und der Jökulsárlón. In dem schmutzig trüben Schmelzwasser treiben große und kleine Eisberge, die von der Gletscherzunge abgebrochen sind. Manche der Eisberge sind so groß, dass sie in dem 130 m tiefen Jökulsárlón auf dem Grund aufsitzen. Die abgeschmolzenen Gletscherzungen aus dem 19. Jhdt. hinterließen tiefe Mulden, in denen sich das Schmelzwasser sammelt. Rings um den Gletschersee sind noch die alten Endmoränen zu sehen, die vom Gletscherhöchststand zeugen.

Kap Dyrhólaey
Südlich des Myrdalsjökull haben sich in den vergangenen 2 Mio. Jahren einige Vulkaninseln gebildet. Die Felsenklippen von Kap Dyrhólaey - Türhügelinsel - sind die Ruinen eines solchen Inselvulkans. Durch die starke Brandung wurde der Vulkan stark erodiert und von Norden her in den letzten Jahrtausenden durch die Sanderflächen an die Hauptinsel angebunden. Die alten Vulkane Petursey (10 km nordwestlich von Kap Dyrhólaey) und Hjörleifshöfdi (12 km östlich von Vík) wurden ebenfalls durch die Sandurflächen an die Hauptinsel angebunden. Auch die Felsenklippen von Ingólfshöfdi (direkt südlich des Öraefajökull) sind eine alte Vulkanruine, die durch die Sanderfläche keine Insel mehr bilden. Die starke Meeresbrandung hat in die basaltischen Hyaloklastite und Kissenlaven ein gewaltiges Felsentor gefressen.

 
nach oben