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DIE TIGERIN VON RANTHAMBORE

VON CHRISTIAN KNEISSL

 
Starte Diaschau
Tigerin im Ranthambore NP (C) Christian Kneissl Smaragdspint im Kanha NP (C) Christian Kneissl Axishirsche im Kanha NP (C) Christian Kneissl Taj Mahal in Agra (C) Christian Kneissl Tiger im Corbett NP (C) Christian Kneissl Elefant im Corbett NP (C) Christian Kneissl Tigerin im Ranthambore NP (C) Christian Kneissl Tigerin im Ranthambore NP (C) Christian Kneissl
 

In den letzten Jahren war ich vor allem in den Nationalparks im südlichen Afrika, in Kenia und im Westen der USA und Kanadas unterwegs, um meiner Leidenschaft zu frönen, Wildtiere zu fotografieren.
25 Jahre war ich nicht mehr in Indien gewesen, nun lockte mich die Aussicht, Tiger vor die Linse zu bekommen, in mehrere Nationalparks in Nord- und Zentralindien. Ende April, Anfang Mai, wenn die Mittagstemperaturen 40 Grad Celsius und mehr erreichen, ist die Chance Tiger zu sichten besonders aussichtsreich. Die Tiger sind öfters unterwegs, um in Wasserlöchern oder aus Seen zu trinken, aber auch um sich im Wasser abzukühlen. Ab Mitte Juni, wenn der Monsun beginnt, sind alle diese Parks auf mehrere Monate geschlossen: Überschwemmungen und dadurch zerstörte Straßen in den Nationalparks machen einen Besuch zu dieser Jahreszeit unmöglich.

Erster Versuch: Bandhavgarh Nationalpark
Über die indische Hauptstadt Neu Delhi erreichen wir mit dem Flugzeug die Tempelstadt Khajuraho, die vor allem wegen ihrer Skulpturen mit religiösen, tw. auch erotisch zu deutenden Inhalten bekannt ist. Durchaus interessant! Ungefähr 4,5 Stunden benötigen wir mit dem Auto, um das ca. 450 km2 große Bandhavgarh Schutzgebiet in Madhya Pradesh zu erreichen. Dort erwartet uns die erst 2010 eröffnete, luxuriöse Samode Safari Lodge, sie kann es mit fast jeder Luxuslodge in Südafrika und Botsuana aufnehmen. Leider liegt die Lodge, so wie alle privaten Hotels und Lodges, außerhalb des Nationalparks. Jener Sektor des Bandhavgarh NP, der von diesem Parkeingang erreicht werden kann, lässt für mich einige Wünsche offen. Zwar gibt es mit Axis- und Sambarhirschen die Futtergrundlage für die Tiger und eine große Population von Languren (Meerkatzenverwandte) - Schakale, Wildschweine und Indische Gazellen sind aber selten zu sehen. Deutlich können wir die Nagespuren von Stachelschweinen in den unteren Bereichen von Bäumen ausmachen. Ein Dorf grenzt unmittelbar an die Kernzone (Core) des Parks und ist durch einen Zaun abgegrenzt. Rinder werden von mehreren Seiten zumindest in die Pufferzone des Parks getrieben. Wir bleiben 3 Nächte, unternehmen 5 Wildbeobachtungsfahrten in bequemen Geländefahrzeugen, sehen zahlreiche frische Fußabdrücke von Tigern an vielen Stellen des Parks und hören einmal einen Tiger ganz in der Nähe. Nur - er zeigt sich nicht.

Zweiter Versuch: Kanha Nationalpark
Nach einer fünfstündigen Autofahrt gelangen wir zum 940 km2 grossen Kanha Nationalpark, der große Bestände von Salwald aufweist. Wir wohnen zwei Nächte in der sehr guten Kanha Earth Lodge und zwei Nächte in der kleinen, aber feinen Flame of the Forest Lodge, deren Besitzer zumindest bis jetzt die Größe der Anlage auf 4 Bungalows und maximal 8 Besucher beschränkt hat. Auf den insgesamt 7 Gamedrives, die alle beim Kisli-Gate im Dorf Khatia starten, sehen wir neben den häufigen Axishirschen und den Sambarhirschen Hochland-Barasingha-Hirsche, Gaure (indische Wildrinder), Muntjaks, Wildschweine und Rhesusaffen, jede Menge Pfauen, aber auch einen Lippenbär, einen Leoparden und - einen Tiger, der sich allerdings im hohen Gras vor meiner Linse ziemlich versteckt. Leider!

Tigershows
Der Natur kann man nachhelfen: Im Kanha NP werden von einem Besucherzentrum aus sogenannte Tigershows angeboten. 8 Reitelefanten schwärmen am Morgen aus, um Tiger zu sichten. Ist ein Tiger aufgespürt, wird er von einem oder zwei Elefanten gestellt, während die anderen Reitelefanten bei der nächstgelegenen Straße auf die ankommenden Touristen warten. Gleichzeitig beginnt im Besucherzentrum der Verkauf von nummerierten Tickets und die ersten Autos setzen sich (mit einer Leiter auf dem Maruti Gypsy) in Bewegung. Schnell ist der Reitelefant bestiegen und beim Tiger angelangt. Wenn der Tiger seine Position verändert, kommt etwas Unruhe auf, bis er sich wieder niedergelegt hat. Das funktioniert so lange, bis der Tiger keine Lust mehr hat.
7 Tage in Zentralindien - und kein ‘richtiger’ Tiger! Von Nagpur fliegen wir wieder zurück nach Neu Delhi und versuchen unser Glück in Nordindien.

Dritter Versuch: Sariska-Reservat
Nach einer kurzen Stadtbesichtigung von Neu Delhi mit dem Qutb Minar, den eindrucksvollen Überresten der ersten historischen Hauptstadt, die von den Moslems errichtet wurde, und dem Grab des Humayun, einem prachtvollen Vorgängerbau des Taj Mahal, geht es mit dem Auto nach Rajasthan. Erstes Ziel ist das Sariska Reservat, ein Tiger-Reservat, in dem es erst seit kurzem wieder eine Hand voll Tiger gibt, die in anderen Nationalparks gefangen und hier wieder eingebürgert wurden. Der Aufenthalt im Sariska Tiger Reservat ist durchaus ergiebig: Hier begegnen wir den ersten Nilgau-Antilopen. Die Zukunft dieses Nationalparks hängt meiner Meinung nach von der Absiedlung der Dörfer ab, die sich im Schutzgebiet befinden und die durch weidende Rinder, das Sammeln von Brennholz und ähnliche Eingriffe in die Natur des Nationalparks ein geschütztes Tierleben verhindern.
Wir übernachten im Samode Palace Hotel, einem der schönsten Hotels in Indien, das wir auch bei der ‘Rajasthan total-Reise’ verwenden. Nach einem Elefantenritt zum Fort Amber und einer Zwischenübernachtung in Jaipur gelangen wir nach einer gut 3-stündigen Überlandfahrt an den Rand des Ranthambore Nationalparks.

Endlich geglückt: Ranthambore Nationalpark
Der knapp 400 km2 große Ranthambore Nationalpark im Süden Rajasthans bietet uns drei weitere Tage die Möglichkeit, die Natur Indiens und endlich auch Tiger zu erleben. Unsere Lodge Dev Vilas außerhalb der Stadt Sawai Madhopur, 130 km von Jaipur entfernt und ganz nahe der Einfahrt in den Nationalpark, ließ keine Wünsche offen. Der Eigentümer, Herr Balendu Singh - selbst begeisterter Naturfotograf, begleitet uns auf allen Wildbeobachtungsfahrten im Park. Sie beginnen bei Sonnenaufgang und enden um ca. 10.00 Uhr, der zweite Durchgang dauert von 15.00 Uhr bis 18.00 Uhr. Über die Mittagszeit ist ein Aufenthalt im Nationalpark nicht erlaubt. Am Mittwoch Nachmittag sind alle Nationalparks zudem für Besucher gesperrt. Bei der Einfahrt in den Park wird dem Fahrer ein Sektor zugewiesen, damit sich die (kleinen) indischen Geländewagen Maruti Gypsy nicht an bestimmten Plätzen konzentrieren, sondern im Park verteilen.

Beim ersten Gamedrive im Park begeistern mich vor allem die Sambarhirsche, sie stehen an einem Seeufer im Wasser und fressen Wasserpflanzen - ein schönes Motiv. Der Pfau, der indische Nationalvogel, ist in keinem anderen Nationalpark so häufig zu sehen, wie in Ranthambore. Am nächsten Tag kreuzt ein großer Leopard unseren Weg und dann - Tiger: einer zeigt sich mehr schlecht als recht, der andere liegt im Wasser, um sich etwas abzukühlen.
Dann endlich ist uns das Glück vollends hold: Es ist die 4. Wildbeobachtungsfahrt im Ranthambore, am Morgen. Eine Tigerin schreitet neben der Straße durch den Wald, quert die Straße und legt sich im guten Licht (!) nieder. Ich habe genug Zeit, die Tigerin mit verschiedenen Objektiven zu fotografieren, bis zum Porträt. Endlich! Sie gähnt gelangweilt, erhebt sich majestätisch, schreitet weiter und legt sich wieder nieder, dieses Mal gegen das Licht. ‘Mission’ erfüllt, die Tigerfotos sind im Kasten und ich bin sehr glücklich.
Wir verlassen die Tigerin, und werden am Ende des Gamedrives noch einmal die Gelegenheit haben, dieselbe Tigerin an einer anderen Stelle liegend zu fotografieren. Sie hat geschwollene Zitzen, wahrscheinlich versorgt sie 2 Jungtiere.

In diesem Park, einst ein Jagdgebiet des Maharajas von Jaipur, erholte sich der Tiger-Bestand ab 1973 nach Einführung des ‘WWF Projektes Tiger’ bis in die 1990er Jahre, wo es dann durch zunehmende Wilderei wieder große Verluste gab. Alle Körperteile von Tigern werden in der chinesischen Medizin verwendet und können einen hohen Preis erzielen. Chinesische Kaufleute sind die Hintermänner der Wilderei an Tigern auch in Indien.

Nachtrag: Corbett Nationalpark
Nach einem Aufenthalt in Agra und dem ausführlichen Besuch der UNESCO Welterbestätten Taj Mahal, Agra Fort und Fatehpur Sikri steht der Corbett Nationalpark im indischen Bundesstaat Uttarakhand an den Vorbergen des Himalaya auf dem Programm. Der 520 km2 große Park wurde 1936 eingerichtet und ist somit der älteste Nationalpark Indiens. 1973 wurde hier die Aktion ‘Project Tiger’ ins Leben gerufen und schon bei unserem ersten Gamedrive in der Randzone des Parks können wir einen großen männlichen Tiger fotografieren. Zu Mittag brechen wir in die Kernzone des Nationalparks nach Dhikala auf. Von einem Aussichtspunkt neben der Straße ist es möglich, Ganges-Gaviale (eine Krokodilart, die nur in Nepal und im Norden Indiens in kleinen Populationen überlebt hat) im Ramganga River zu beobachten, einzelne Elefanten zeigen sich im Wald. In Dhikala steht ein sehr einfaches staatliches Gästehaus (naja, die Sauberkeit) für die Übernachtung bereit, dort sind auch Reitelefanten für 2-stündige Ausflüge stationiert. Der faszinierende Höhepunkt in Dhikala sind Herden von wilden Elefanten, aber auch einzelne Elefantenbullen, die wir bei einem Gamedrive von unserem Geländewagen aus beobachten dürfen.  
Der letzte Morgen im Corbett NP verabschiedet uns mit einem unvergesslichen Anblick: Eine riesige Ansammlung von Axishirschen bewegt sich mit hunderten Tieren im Nahbereich von Dhikala.

Christian Kneissl

 
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