Als 1993 in Istanbul ein Streichquartett von mir uraufgeführt wurde, machte das türkische Fernsehen ein Interview mit dem Komponisten. Auf die Frage, wie mir die Stadt gefalle, antwortete ich: „Ich finde Istanbul ist die zweitschönste Stadt der Welt“. Daraufhin wollten sie natürlich wißen, was denn die schönste Stadt der Welt sei und ich sagte: „Sorry, aber der Platz ist leider vergeben an Rio de Janeiro.“ Gott sei Dank hatte der Interviewer Humor, lachte und sagte: „Damit kann ich leben.“
Jeder kann damit leben. Warum ist uns Brasilien so sympathisch? Liegt es an der Lebensfreude, für die Brasilien fast ein Synonym ist. Oder daran, dass dieses riesige Land mit seinen unendlichen Ressourcen niemals danach gestrebt hat, die Weltherrschaft anzutreten?
Stefan Zweig prägte den berühmten Ausdruck: „Brasilien ist das Land der Zukunft“. Intellektuelle der 70er Jahre ergänzten mit der typisch brasilianischen Ironie: „... und wird es immer bleiben.“
Superlative
Man könnte einen ganzen Artikel über das Land nur mit der Aufzählung seiner Superlative schreiben: Der größte Fluss, der größte tropische Regenwald, die größte Biodiversität, das größte Sumpfgebiet, der größte Wasserfall, das größte katholische Land, die größte Stadt Südamerikas, der größte Kaffee-, Soja-, Bohnen-, Orangenproduzent, die meisten Wirbeltier-, Süßwasserfisch-, Primaten-, Blütenpflanzenarten, der kleinste Frosch, der kleinste Vogel, der größte Greifvogel, die größte Schlange, der längste Sandstrand und und und. Nur eines aktuell nicht: Die beste Fußballnation der Welt.
Ein Kontinent
In Wirklichkeit ist Brasilien ein Kontinent. Die ungeheure Fläche dieses Riesenlandes beträgt zwei Mal die Fläche der gesamten EU. Auch die Diversität ist phänomenal. Während der Norden von indigenen Menschen und Kulturen geprägt ist, ist der Nordosten rund um die Musikhauptstadt Salvador sehr afrikanisch. Rio de Janeiro und Minas Gerais sind portugiesisch. In der Stadt São Paulo leben nicht nur etwa 6 Millionen Menschen mit italienischer Herkunft, was sie zur größten italienischen Stadt macht, sondern sie ist auch eine der größten japanischen Städte. In Blumenau, im Süden, findet jedes Jahr ein riesiges Oktoberfest statt, wo die Brasilianer deutscher Herkunft ihre Traditionen zelebrieren.
Kein Wunder, dass der brasilianische Pass unter den Dieben dieser Welt so begehrt ist: Jeder könnte vom Aussehen her Brasilianer sein. Sie können aussehen wie Gisele Bündchen oder wie Pelé. Erst wenn er oder sie sich bewegt, kann man echte von unechten Brasilianern unterscheiden.
Kulturmetropole São Paulo
Durch die spektakuläre Schönheit Rio de Janeiros wird leicht die Kunst und Kulturmetropole São Paulo übersehen, eine der sichersten Städte Brasiliens, mit ihrem lässigen, großstädtischen Flair. Überall in São Paulo gibt es Lokale zum draußen sitzen, die neueste Ausstellung diskutieren, oder einfach nur einen Sundowner genießen. Die 20-Millionen Metropole ist nicht nur der Wirtschaftsmotor Südamerikas, sie erwirtschaftet etwa ein Drittel des Bruttosozialprodukts Brasiliens, sondern auch die Gourmethauptstadt des Landes.
Barock und Aleijadinho
Im grünen, fast oberösterreichisch anmutenden Hinterland von Rio de Janeiro, im Bundesstaat Minas Gerais, reihen sich verträumte Barockstädtchen aneinander: Ouro Preto, Mariana, Congonhas, Tiradentes, Diamantina. Reich wurden sie durch Gold- und Edelsteinfunde im 18. Jahrhundert und bald wurden die Städte mit prunkvollen Kirchen übersät. Der koloniale Stil des Barocks in Brasilien unterscheidet sich vom portugiesischen vor allem durch seinen wichtigsten Künstler und Architekten: Aleijadinho. Ein typischer Brasilianer, war sein Vater portugiesischer Baumeister, seine Mutter eine Sklavin afrikanischer Herkunft. Aleijadinho heißt übersetzt „das Krüppelchen“, weil er seit seiner Jugend an einer knochenzersetzenden Krankheit litt. Man musste ihm Hammer und Meißel an seine Arme binden. Mit diesem Handicap wurde er zum grössten Bildhauer Lateinamerikas. Sein wunderbares Lebenswerk umfasst vor allem tiefreligiöse Skulpturen höchster Qualität und Innigkeit. Er wird in Brasilien fast wie ein Heiliger verehrt.
Die Planstadt Brasilia
Doch der berühmteste Architekt ist er nicht. Das ist ohne Zweifel Oscar Niemeyer.
In den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts hatte der damalige Präsident, Juscelino Kubitschek (bis heute das einzige Staatsoberhaupt der Welt mit Romani-Herkunft), die Idee, eine neue Hauptstadt im Landesinnern zu bauen: Brasilia. Mit der Absicht, die indigenen Gebiete mehr in das Bewusstsein zu rücken, und das Veraltete, Koloniale abzuschütteln. Bis dahin waren die Hauptstädte Brasiliens immer europäisch geprägte Küstenstädte gewesen. Die neue Architektur sollte den Aufbruch manifestieren. Beauftragt wurden drei junge Künstler, die man nicht anders, denn als Genies bezeichnen kann: Lúcio Costa als Stadtplaner, der Brasilia mit den Umrissen eines Flugzeugs entwarf. Im Cockpit sitzt das Parlament, im Rumpf die Regierung und in den Tragflächen wohnt die Bevölkerung. Den gartenbaulichen Teil schuf der Landschaftsarchitekt Roberto Burle Marx. Heute mutet Brasilia fast wie ein botanischer Garten an, mit mittlerweile ausgewachsenen, vielartigen Tropenbäumen, ein oft vernachlässigter, wunderbarer Aspekt dieser Stadt. Der Architekt Oscar Niemeyer wurde ein Freund, den Kubitschek schon aus seiner Zeit als Bürgermeister von Belo Horizonte her gekannt hatte. Zusammen schufen sie ein Gesamtkunstwerk, das niemanden kalt lässt.
Im tropischen Regenwald
Manche Menschen lieben die Berge, manche das Meer, andere die Wüste, wieder andere die Savanne. Aber alle lieben den tropischen Regenwald. Zumindest habe ich noch keinen getroffen, der nicht davon träumt, ihn einmal im Leben zu bereisen. Das ist gar nicht so einfach, wie es klingt. Denn er hat eigentlich nicht auf uns Menschen gewartet. Der Mensch und der Urwald; das ist eine konfliktreiche Beziehung. Es fängt einmal damit an, dass der tropische Regenwald nicht ein fruchtbares Habitat ist, wie man gemeinhin annehmen würde. Nein, die ungeheure Biodiversität in diesem Regenwald ist eine Antwort der Evolution auf Nährstoffarmut, vergleichbar dem tropischen Korallenriff. Wunderbar nachgewiesen hat das der Evolutionsbiologe Josef Reichholf aus Aigen am Inn in seinem bahnbrechenden Werk „Der tropische Regenwald“ (dtv). Was diese Welt so faszinierend macht, ist die unendliche Artenvielfalt von Flora und Fauna. Die Natur hatte eben auch genügend Zeit zu deren Entwicklung. Der Eindruck wirkt fast religiös intensiv auf uns. Dem kann sich tatsächlich niemand entziehen.
Am schönsten ist die Zeit im Frühjahr, wenn das Wasser noch so hochsteht, dass man mit dem Boot durch den Wald fahren kann (das ist kein Witz), aber nicht mehr so hoch, dass man nicht auch auf alten Pfaden zu Fuß gehen kann. Man wird dann auf jeden Fall die Führung eines einheimischen Indios benötigen, denn wir Gringos wären schon nach einer Viertelstunde heillos verirrt. Man wohnt dazu am besten in einer der Dschungel-Lodges im Umfeld von Manaus. Das ist alles nicht günstig, aber jeden Cent wert. Nebenbei hilft man damit auch, den Urwald vor anderen kommerziellen Interessen zu schützen. Und schließlich träumen wir ja, spätestens seit wir Fitzcarraldo gesehen haben, vom brasilianischen Regenwald.

