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BALTIKUM – IM ZENTRUM UND DOCH AM RANDE EUROPAS

VON MAG. LEO NEUMAYER

 
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Estland, Tallinn (C) Dirk Bleyer Litauen, Kurische Nehrung (C) Dirk Bleyer Festung Trakai (C) Dirk Bleyer Litauen, Vilnius, St. Stanislaus Kathedrale (C) Dirk Bleyer
 

Estland, Lettland, Litauen
Drei Staaten mit gemeinsamer und doch unterschiedlicher Geschichte, gemeinsamer Gegenwart im Rahmen der EU und in der verständlicherweise sehr geschätzten Nato.
6 Millionen Menschen leben auf einer Fläche von 175.000 km² - mehr als doppelt so groß wie Österreich; in Litauen und Lettland werden indogermanische Sprachen gesprochen, das Estnische ist mit dem Finnischen und Ungarischen verwandt und uns sehr fremd. Die baltischen Staaten sind ein abwechslungsreiches Reiseziel, mit grandiosen Hauptstädten, schönen Städten, eher flachen Landschaften, oft einsamen Stränden, eigenartigen Wolkenstimmungen, beeindruckenden Sehenswürdigkeiten, schmackhafter Kulinarik und besonders gastfreundlichen Menschen.
 
Geschichtliches
Mindestens seit dem 1. vorchristlichen Jahrhundert ist die Region geschichtlich fassbar, vor allem der Bernsteinhandel mit Rom. Ab dem frühen 13. Jh. entwickelte sich zum Beispiel Livland (etwa Estland und Lettland) als wichtiges Gebiet des deutschen Ritterordens, der christianisierte, kolonisierte, kultivierte. Burgen aus jener Zeit bezeugen diese Geschichtsepoche.
Ab dem 15. Jh. entstanden bedeutende Handelsstädte mit weitreichenden Freiheiten und beachtlichem Reichtum im Rahmen der Hanse – der Einfluss Deutschlands, Dänemarks und Schwedens ist bis zum heutigen Tag zu spüren. Ab dem 18. Jahrhundert wuchs der Einfluss Russlands. 1918 entstanden die unabhängigen Republiken Estland, Lettland und Litauen, nach dem Weltkrieg wurden sie zu unterdrückten Sowjetrepubliken. Im August 1989 bildeten zwei Mio. Menschen eine Menschenkette („Der Baltische Weg“) über eine Länge von 650 Kilometern von Tallinn über Riga nach Vilnius – und demonstrierten erfolgreich ihren Unabhängigkeitswillen, der sich im Frühjahr 1990 mit erneuerten Vorkriegsverfassungen durchsetzte.
 
Von Estland ...
Wir starten in Estland, in Tallinn, einer europäischen Hauptstadt mit interessanter Geschichte und dynamischer Gegenwart (Skype wurde hier erfunden, es gibt viele innovative Start-ups). Die intakte Stadtmauer mit charakteristischen Türmen (einer heißt „Blick in die Küche“ – „Kiek in de Kök“), kopfsteingepflasterte Gassen, gotische Häuser, zum Teil „windschief“, schaffen Atmosphäre. Wahrzeichen sind die urigen Lokale, altehrwürdige Gildenhäuser und das hochaufstrebende Rathaus, dazu setzen Kirchen (meist evangelisch) und Kathedralen (sehr dominant die russisch-orthodoxe Alexander Newski-Kathedrale) markante Punkte. Mittelalter küsst Moderne - Tallinn ist auch eine internationale Party-Hauptstadt. 
Jung und lebendig zeigt sich Tartu, die älteste Universitätsstadt Nordeuropas – Museen, Festivals, Kaffeehäuser, Bars, der große Stadtpark sind eine inspirierende Kulisse. Estland heißt aber auch intakte Natur, interessante Nationalparks (z.B. der Lahemaa Nationalpark - 72.500 Hektar groß), dichte Wälder, schöne Strände (besonders bei Pärnu), vorgelagerte bewohnte und unbewohnte Inseln, sehenswerte Städte und Dörfer.
 
… nach Lettland ...
Die intakte Naturlandschaft im Gauja-Nationalpark, dem größten Lettlands, erkundet man am besten per pedes oder mit dem Fahrrad. Oder auch mit Moorschuhen, zum Beispiel im Ķemeri-Nationalpark. Mehr als einen Blick wert sind Sehenswürdigkeiten wie die Bischofsburg Turaida oder das Barockschloss von Rundāle - das „Versailles des Baltikums“ - Architekt Rastrelli war auch verantwortlich für den Winterpalast in Sankt Petersburg. Und dann Riga, die anheimelnde Altstadt am Ufer der Düna: Zentrum ist der Marktplatz mit dem Rathaus und dem Schwarzhäupterhaus, Versammlungsort einer wichtigen kaufmännischen Vereinigung im Stil der Gotik und Renaissance. Dom, Petrikirche und Jakobskirche prägen in schöner Weise die Silhouette der Stadt. Mächtig setzt sich auch das Schloss von Riga in Szene, jetzt ist es der Amtssitz des Präsidenten, früher die Festung des Schwertbrüderordens. Weitere historische Denkmäler sind die Gebäude der Rigaer Börse, das Gebäudeensemble der Drei Brüder, die Bauten der Kleinen und Großen Gilde … Zwischen Alt- und Neustadt liegt das symbolisch so wichtige Freiheitsdenkmal - die drei Sterne in Händen der Figur stellen die drei Landesteile Lettlands dar.
Herausragend ist das Jugendstilviertel in der Neustadt aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts! Wunderbare Gebäude mit einer reichen Ornamentik, schmucken Fensterelementen, eindrucksvoll verzierten Fassaden und Erkern prägen das Bild - Michail Eisenstein, der Vater des Regisseurs Sergej Eisenstein, war der bekannteste Jugendstil-Architekt Rigas.
Seeluft! Ein kurzer Abstecher führt zum Seebad Jūrmala, liebevoll die „Badewanne“ Rigas genannt. Schwefelquellen, das Meer und die gute Luft waren und sind Anziehungspunkte. Der Ort bezaubert durch schöne Holzvillen, schattige Plätze, eine bemerkenswerte Lokalszene und abseits der Hochsaison ruhigen Stränden.
 
… und nach Litauen
Im Südosten Litauens finden wir zwischen Ural, Azoren, Spitzbergen und den Kanarischen Inseln den Mittelpunkt Europas – diesen feiert der Europa-Park mit außergewöhnlichen Kunstwerken und Installationen.
Tiefe Wälder und einsame Seen- und Sumpflandschaften prägen die Landschaft Litauens. Religion, speziell die katholische Kirche, ist für viele Litauer von großer Bedeutung. Das zeigt sich in vielen Kirchen, im Besuch von Gottesdiensten, Wallfahrten und im Brauchtum. Ein Kristallisationspunkt war und ist der sogenannte Berg der Kreuze, die in Zeiten der Unterdrückung aufgestellt wurden - klein, groß, schmucklos, verziert, kunstvoll, kitschig … Zu Sowjetzeiten wurde der Ort immer wieder zerstört, und von den Menschen immer wieder neu errichtet.
Der wichtigste Fluss Litauens ist die 900 km lange Memel, sie bildet ein einzigartiges Ökosystem mit vielen naturbelassenen Flussarmen, Lagunen, Moorflächen und Wiesen - und mündet im Kurischen Haff. Von einzigartiger Schönheit ist die Kurische Nehrung: Verträumte Fischerorte mit wunderschönen, oft reetgedeckten Fachwerkhäusern, grandiose Dünen (zweitgrößte Düne Europas) und schattige Kiefernwälder bestimmen das Bild und vermitteln eine idyllische Atmosphäre, die auch Thomas Mann in seinen Bann gezogen hat. Nicht weit von Vilnius beeindruckt Trakai mit seiner auf einer Insel erbauten Burg. Kaunas, die zweitgrößte Stadt ist stolz auf die schöne Altstadt. Die bedeutende Universitätsstadt beherbergt viele gut erhaltene Bauwerke, Rathaus („Weißer Schwan“), Peter-und Paul-Kathedrale, Jesuiten- und Franziskanerkirche. Sehenswert sind auch die Ruinen der Burg von Kaunas und das Perkunas-Haus, ein spätgotisches Bürgerhaus.
 
Besonders anziehend ist die Hauptstadt Vilnius - mit etwa 600.000 Einwohnern auch recht überschaubar. Sie ist Universitäts- und Bischofsstadt, politisches und kulturelles Zentrum des Landes und ihre guterhaltene Altstadt ist UNESCO-Welterbe. Ihre reiche Geschichte zeigt sich auch in den beiden Ehrentiteln „Rom des Ostens“ und „Jerusalem des Nordens“. In Vilnius regiert das katholisch geprägte Barock, dennoch gibt es auch bemerkenswerte Bauwerke aus Gotik, Renaissance und Klassizismus. Leider gibt es kaum Erinnerungen an die einst so bedeutende und festverankerte jüdische Kultur mit über 100 Synagogen. Prägend sind die Kathedrale mit ihrem eigenartigen Turm, das Rathaus und die Ruinen der Burg von Gediminas auf dem gleichnamigen Hügel aus dem 14. und 15. Jahrhundert sowie das wiedererrichtete Großfürstliche Schloss am Fuß der Burg. Prägnante Sakralbauten prägen die Stadt: z.B. die Franziskus-Kirche, die spätgotische Annenkirche, aber auch die einzige verbliebene Choral-Synagoge.
 
Wer alternatives Leben sucht, wird sich im Künstlerviertel Užupis zuhause fühlen: ein wenig verrückt ist die „Republik“ mit eigener Verfassung, ein Ort der Kreativität, Toleranz und Offenheit.
 
Das Baltikum in seiner Gesamtheit und in seiner Vielfalt ist eine Reise wert! Nein – mehrere!

 
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