Auf der Liste der größten Architekten und Architekturtheoretiker aller Zeiten darf der Name Andrea Palladio nicht fehlen. Palladios Prinzipien und Ideen waren es, die beispielhafte Bauten dies- und jenseits des Atlantiks beeinflussten – Chiswick House in London, Thomas Jeffersons Landgut Monticello in Virginia, sogar das Weiße Haus in Washington. Seine Heimat aber, die Region, in der er selbst gestalterische Höchstleistungen vollbrachte, war Venetien. Hier schuf der 1508 in Padua geborene Architekt jene formvollendeten Bauten, die durch ihre Symmetrie und ihre Harmonie bestechen, die so perfekt proportioniert wirken. Palladio orientierte sich an der Architektursprache der Antike, schuf aber zugleich völlig Neues. Darunter Profanes, wie das Teatro Olimpico und die nach ihm benannte Basilica in Vicenza, und Sakrales, wie die Kirche Il Redentore in Venedig mit der markanten Tempelfront. Insbesondere mit seinen Villen erlangte Palladio Weltruhm, etwa mit der Villa Barbaro oder der Villa Rotonda, Musterbeispielen der Renaissance-Baukunst.
Palladio ist aber nicht das einzige Ausnahmetalent, das das historische Hinterland der stolzen Seerepublik Venedig, das Veneto also, geprägt hat. Die epochemachenden Maler Giotto und Tizian, Tintoretto und Veronese waren hier tätig, ebenso der Jahrhundertbildhauer Antonio Canova. Monteverdi und Vivaldi revolutionierten die abendländische Musik, Galileo wagte radikaler zu denken als alle seine Zeitgenossen und der Abenteurer und hauptberufliche Liebhaber Casanova startete von hier aus seine Eroberungszüge. Es mag also kaum überraschen, dass Shakespeare die tragischste aller Romanzen – Romeo und Julia – nicht im verregneten England, sondern in leidenschaftlicheren Gefilden spielen lässt: im Veneto, genauer gesagt in der wunderbaren Stadt Verona.
Verona
Veronas UNESCO-gekrönte Altstadt wird malerisch von der Etsch umflossen, der Turm der Domkirche überragt die schöne Dachlandschaft, die Hauptplätze Piazza delle Erbe und Piazza dei Signori versprühen italienisches Flair. An das römische Erbe der Stadt erinnern die für ihre Akustik weltbekannte, fantastisch erhaltene Arena und der Ponte Pietra aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert. Im Mittelalter herrschte die Familie der Scaliger über Verona, bezog hier Residenz und ließ sich direkt am Flussufer das Castelvecchio erbauen, eine imposante Festung aus Ziegelsteinen. Vom Selbstverständnis dieser machthungrigen Familie zeugen noch heute deren reichgestaltete Ehrengräber im Zentrum der Stadt. Etwas außerhalb erwartet Besucher eine der großartigsten, noch auf die Romanik zurückgehenden Kirchen Oberitaliens – die Basilika des Heiligen Zeno.
Mantua
Zu einem Abstecher in die Nachbarregion Lombardei lädt die Stadt Mantua ein. Ein Erlebnis ist bereits die Anfahrt – langsam taucht die Silhouette Mantuas auf, spiegelt sich diese im Wasser des künstlich aufgestauten Flusses Mincio. Die kunstsinnigen Gonzaga traten hier als Bauherren in Erscheinung, gaben unter anderem den weitläufigen Herzogspalast und als zusätzlichen Rückzugsort den prächtig freskierten Palazzo del Te in Auftrag. Auch der im Zeitalter der Renaissance allseits gefragte Architekt Leon Battista Alberti war in Mantua tätig – die in ihrer Ausgewogenheit grandiose Kirche Sant’ Andrea ist sein Werk.
Vicenza
Weiter geht es nach Vicenza, Palladios großer Wirkstätte, und nach Padua. Paduas bereits 1222 gegründete Universität ist legendär, lehrte an ihr doch kein Geringerer als Galileo Galilei. Bahnbrechende anatomische Studien wurden hier betrieben, außerdem erhielt Elena Cornaro Piscopia in Padua als weltweit erste Frau einen Doktortitel. Noch heute sorgen die rund 60.000 Studierenden für eine lebendige, weltoffene Atmosphäre. In Paduas Scrovegni-Kapelle lassen sich Giottos farbintensive Fresken aus dem frühen 14. Jahrhundert bewundern. Natürlich muss man noch beim „Santo“ vorbeischauen – die Wallfahrtskirche zum Heiligen Antonius ist mit ihren insgesamt acht Kuppeln besonders eindrucksvoll.
Canova und Prosecco
Etwas weiter nördlich liegt die stimmungsvolle Kleinstadt Bassano del Grappa, bekannt für ihre vollmundigen Tresterbrände und die originalgetreu rekonstruierte, äußerst fotogene Brenta-Brücke. Unweit, in Possagno, dreht sich alles um Antonio Canova, der hier 1757 zur Welt kam. In der umfassenden örtlichen Gipsothek werden jene Modelle aufbewahrt, die dem Bildhauer als Vorlage für seine unvergleichlichen Marmorskulpturen dienten. Nach kurzer Fahrt erreicht man Valdobbiadene und befindet sich plötzlich inmitten eines gepflegten Weinbaugebietes. Rund um das Winzerstädtchen und entlang rebengesäumten Weinstraße gibt es nur ein Thema: den Prosecco. Darüber ließe sich lange sinnieren, doch wird man der prickelnden Versuchung am ehesten dann gerecht, wenn man sie gleich vor Ort verkostet.
Villa Pisani
Ein weiterer Höhepunkt ist die direkt am Brenta-Kanal gelegene Villa Pisani. Die prunkvolle Anlage ist ein exzellentes Beispiel dafür, dass es die Venezianer noch im 18. Jahrhundert verstanden, das Leben auf der Terraferma (dem „Festland“) in vollen Zügen zu genießen. Zwar orientiert sich die Pisani-Villa noch an Vorgängerbauten, doch wirkt sie – allein wegen ihrer schieren Größe – bereits wie ein barockes Schloss.
La Serenissima
Richtung Osten wird das Licht allmählich heller, die Luft salziger, denn nun ruft das Meer, ruft die Serenissima. Venedig, die Stadt in der Lagune, ist ein Wunder. Und ein Mythos. Errichtet auf Millionen von Holzpfählen konnte Venedig jahrhundertelang den Wassermassen trotzen. Und aus der anfänglich misslichen Lage zogen die Venezianer bald ihren Nutzen. Sie machten ihre Stadt zur wichtigsten Handelsmetropole Europas, zur Herrin über das Mittelmeer, zur Schnittstelle zwischen Orient und Okzident. Rund um die Rialto-Brücke, dieser Wall Street des Mittelalters, wurde mit exotischen Gewürzen, mit chinesischer Seide und afrikanischem Elfenbein gehandelt. Die unermesslichen Überschüsse wurden investiert – in die riesige Flotte, außerdem in Bauten und in Kunst. Diese bewusste Verschönerung Venedigs ist noch heute sichtbar, wenn man an den pompösen Palazzi am Canal Grande vorbeigleitet. Zu nennen sind hier aber auch die Meisterwerke der Malkunst wie Tintorettos monumentaler Bildzyklus in der Scuola Grande di San Rocco oder Tizians Himmelfahrt Mariens in der Frari-Kirche.
Das Herz der Stadt schlägt am Markusplatz. Die Piazza wird vom Glockenturm beherrscht und von der Domkirche: ausgestattet mit goldenen Mosaiken und bekrönt mit allerlei Kuppeln offenbart auch San Marco den Einfluss des Ostens, ergo der byzantinischen Kunsttradition. Mit dem Boot geht es schließlich hinaus auf das Wasser, zur Glasbläserinsel Murano, zu den bunten Häuschen auf Burano und zur uralten Kirche Santa Maria Assunta auf der Insel Torcello.
Ohne Zweifel hält Venetien für Besucher tausende Sinneseindrücke bereit. Und am Ende einer Reise durch diese reizvolle Region wird einem klar, warum Palladio und all die anderen kreativen Geister gerade hier derart Großes schaffen konnten. Weil das Veneto mit all seinen Farben und Bauten, mit seinen Geschmäckern und Klängen eine einzige Quelle der Inspiration ist.

