Etwa 400 Kilometer erstreckt sich das schmale Band der Region Apulien vom Gargano bis nach Santa Maria di Leuca, der Spitze des italienischen Stiefelabsatzes. An der schmalsten Stelle im Süden, im Salento, ist Apulien nur 16 Kilometer breit und in der Stadt Otranto erreicht man den östlichsten Punkt Italiens, nur rund 80 Kilometer von der albanischen Küste entfernt. Ein Zahlenspiel, das vielleicht manche begeistert, aber nicht wirklich überzeugen wird, das Land zu erkunden. Überzeugend wirken Eindrücke, die man mit Apulien assoziiert, Trulli, Küstenlinien vor glasklarem blau-türkis schillerndem Meer und natürlich das Castel del Monte, u.a. auf der italienischen 1-Cent-Münze.
Bari und Nikolaus
Bari ist für die meisten Apulien-Reisenden der Ausgangspunkt Ihrer Erkundungen. Hier, in der Hauptstadt der Region, stößt man auf die reichhaltige Geschichte des Mittelalters, auf die Verehrung des Heiligen Nikolaus, dessen Gebeine in der eindrucksvollen romanischen Kirche bestattet wurden. Anfang Mai gibt es ein riesiges buntes Fest zu Ehren des verehrten Stadtpatrons. Dass die Gebeine aus Myra geraubt worden sind, darüber spricht man nicht. Romanische Prunkbauten findet man aber auch in anderen Orten. In Trani zum Beispiel steht die Kirche direkt am Meer, ebenso in Molfetta, die Bauten leuchten fast weiß im hellen Sonnenlicht. Sonne gibt es in Apulien das ganze Jahr über, im Sommer machen die Nähe zum Meer und der kühlende Wind das Klima angenehmer als in anderen südlichen Regionen.
Im Bereich der Murge
Castel del Monte, die achteckige Burg auf einer Erhebung der Murge, dem Kalkhochplateau im Landesinneren, ist wohl die schönste und geheimnisvollste Burg des Stauferkönigs Friedrich II. Festungen aus seiner Regierungszeit begegnet man in Apulien in vielen größeren Ortschaften, hier in Castel del Monte hat Friedrich keine militärischen Interessen verfolgt, sondern wollte offenbar einen privaten Rückzugsort schaffen.
Die Murge sind auch die Heimat der Trulli, die man in kleinen Gruppen in der Landschaft verstreut findet, manche zu Wohnhäusern zusammengeschlossen, manche als einfache Unterkünfte am Feldrand und an die tausend Trulli in dem Ort Alberobello. Weiß gestrichen, mit grauen Steindächern wie Zipfelmützen, ziehen sie den Hang des Ortes hinauf. Sie sind zu Recht zum Weltkulturerbe erklärt worden.
Höhlen
Das Kalkplateau der Murge ist von Höhlen durchzogen, deren größte in Castellana für Besucher erschlossen ist und sie in eine ¬unterirdische Zauberwelt führt. In dem Gebiet der angrenzenden Region Basilikata wurden die Höhlen von Matera bis ins 20. Jahrhundert hinein als Wohnungen benützt. Matera ist eine spektakuläre Stadt, die auch immer wieder als Filmkulisse dient. Wendet man sich wieder Richtung Apulien, so sollte man in Martina Franca Station machen. Hier gewinnt man den ersten Eindruck von der Barockkunst in Apulien.
Bevor man weiter in den Süden vordringt, muss man in Taranto das archäologische Museum besuchen, das mit unglaublich reichen Sammlungen die Antike aufleben lässt. Die Messapier, die Einwohner von Japygien - aus dieser Bezeichnung entstand der Name Apulien -, die Peuketier und die Daunier sind wohl den wenigsten Besuchern bekannt, spannend ist es zu erfahren, dass nicht nur die Griechen wichtige kulturelle Zeugnisse in Apulien hinterlassen haben.
Brindisi
Erreicht man Brindisi, so findet man sich in der römischen Antike wieder, endete doch hier die berühmte Via Appia Antica. Der natürliche Hafen der Stadt war in der Zeit der Kreuzzüge Ausgangspunkt für so manches Schiff, das die Kreuzfahrer ins Heilige Land brachte.
Lecceser Barock
Die größte Stadt im Süden Apuliens, im Salento, ist Lecce. Als „Lecceser Barock“ bezeichnet man die außergewöhnlichen Schöpfungen der Architektur aus der Zeit der spanischen Herrschaft. Fantasiegestalten, üppige Ornamente, Heiligenfiguren zieren die Bauten, kaum ein freier Fleck ist auf den Fassaden zu finden. Reste eines römischen Theaters machen deutlich, dass Lecce schon in der Antike von Bedeutung war, in der Neuzeit versuchte man sich durch mächtige Festungsbauten zu schützen. Heute ist Lecce eine sehr junge, lebendige Stadt, die wichtigste Universitätsstadt des Südens.
Lecce ist ein guter Ausgangspunkt für die Erkundung des Salento. In Galatina finden wir in der Kirche der Heiligen Katharina einen Freskenzyklus des 14. Jahrhunderts, der in seiner Fülle mit den Fresken in Assisi vergleichbar ist. Die Altstadt der kleinen Hafenstadt Gallipoli ist von mittelalterlichen Mauern umgeben, wo man noch die unterirdischen Ölmühlen finden kann. Von Lecce aus muss man unbedingt auch einen Ausflug nach Otranto machen, das mit einer großen Befestigungsanlage über dem Meer thront. In der Kathedrale von Otranto bestaunen wir ein riesiges Fußbodenmosaik, das mit der Erzählfreude des Mittelalters biblische und mythologische Szenen verbindet. Heute merkt man der Stadt die Schrecken der ¬osmanischen Eroberungen nicht an, die viele Einwohner um 1480 das Leben gekostet haben, heute laden Restaurants, Bars und Geschäfte zum Verweilen ein.
Und die Küche
Apropos Restaurant: Die Küche Apuliens muss man unbedingt erkunden. Mit rund 800 Kilometern Küstenlinie liegt einer der Schwerpunkte der Küche bei Fischen und Meeresfrüchten. Die fruchtbaren Felder im Landesinneren liefern Getreide und Gemüse. Neben Fischen sind Wurstwaren und Lammgerichte sowohl als Vorspeisen als auch als Hauptspeisen zu finden. Olivenöl ist ein Exportschlager und gibt den Speisen die richtige Würze. Kein Essen ohne Pasta – typisch sind Orecchiette con le cima di rapa, kleine, muschelförmige Nudeln mit einem speziellen Kohlgemüse. Käse in verschiedenster Form, als Frischkäse oder ausgereift, wird überall angeboten. Dazu passt ausgezeichnet Brot aus Altamura mit knuspriger Kruste und als Nachspeise ein Dolce, vielleicht Bocconotti gefüllt je nach Region mit Ricotta, Marmelade oder einer Mischung aus Mandeln, Kakaopulver und Gewürzen, darüber auf jeden Fall viel Staubzucker. Ja natürlich, der Wein darf nicht fehlen! Apulien ist die zweitgrößte Weinbauregion Italiens und besonders der Salento ist berühmt für seine ausgezeichneten Rotweine.
Man sollte sich die Zeit nehmen, auch den Norden Apuliens zu bereisen. Die Halbinsel des Gargano mit dichten grünen Wäldern ist seit Jahrhunderten ein Anziehungspunkt für Pilger, erschien doch dort kurz nach dem Ende des Römischen Reichs in einer Grotte der Erzengel Michael. Heute ziehen Pilgerströme auch zur Wallfahrtskirche von Padre Pio in San Giovanni Rotondo. Zu Füßen des Gargano, dem Sporn am italienischen Stiefel, erstrecken sich große Salinenanlagen und kleine Städte, mit überraschenden Kunstschätzen aus antiker Zeit und Reste romanischer Kirchen. Es ist eine Region, wo man mit Muße reisen kann.

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