„Bewahre deine Liebe zur Natur, denn das ist der richtige Weg zu immer besserem Kunstverständnis“, schrieb Vincent van Gogh an seinen Bruder Theo. Und in einem anderen Brief: „Die Natur hier ist außerordentlich schön.“ Van Gogh verbrachte nur etwas mehr als zwei Jahre in Arles und Saint-Rémy, aber es waren seine glücklichsten und produktivsten. Wie manisch besessen malte er Bild um Bild die Landschaften, Olivenbäume, Zypressen, Sonnenblumen- und Weizenfelder, Ziehbrücken der Provence. Sogar sein Lieblingscafé und den Postboten porträtierte er mehrfach. Das Licht und die Farben waren es, die ihn antrieben, sodass er sogar seinen Freund Paul Gauguin überreden konnte, in die Provence zu kommen und mit ihm das „Atelier des Südens“ zu gründen. Ein Projekt, von dem er lange geträumt hatte und das letztendlich ein Traum bleiben sollte.
Viele Sonnenhungrige suchten dieses Licht lange vor und nach van Gogh. Die Engländer entdeckten die Côte d´Azur Mitte des 18. Jahrhunderts, Goethe reiste im Jahr 1787 auf der Suche dieses Lichtes durch Italien. Aber waren es nicht schon die Germanenstämme der Völkerwanderung, die sich auf den Weg in die römische „Provinz“ machten, um dem Grau und der Kälte des Nordens zu entfliehen?
Es beginnt in der Ardèche
Eigentlich muss eine Provencereise in der Ardèche beginnen, dieser spektakulären Schlucht, wo 1994 die Chauvet-Höhle entdeckt wurde. Man kann dort in einer großartigen Nachbildung die wahrscheinlich schönsten und ältesten Höhlenmalereien der Welt sehen. In über 400 Wandbildern haben die Menschen der Vorzeit wunderbare Porträts ihrer Natur hinterlassen: Pferde, Auerochsen, Löwen, Wollnashörner, Höhlenbären. Da ist es schon da: Kunst und Natur.
Aber auch die Römer haben uns großartige Kunst hinterlassen: Das sensationell gut erhaltene Theater von Orange, in dem heute noch Konzerte und Theateraufführungen stattfinden können, das größte römische Aquädukt in Pont du Gard, die Arena von Arles, die Maison Carrée in Nîmes. Alles Superlative der römischen Baukunst.
In spätrömischer Zeit war die Provence sogar kurz so etwas wie das Zentrum der Welt. Als nach der Zeit der Tetrarchie, Konstantin der Große alle Macht in seinen Händen vereinigte, machte er umgehend Arles zu seiner Hauptstadt und kaiserlichen Residenz. Von dort aus verbreitete sich das Christentum im westlichen Mittelmeergebiet und in Gallien. Schließlich seien ja, in der Überzeugung der damaligen Gläubigen, Maria Magdalena und ihre Schwester Martha, ihr Bruder Lazarus, Maria Kleophae, Maria Salome mitsamt Dienerin Sara in Saintes-Maries-de-la-Mer an Land gegangen. Sie und ihre Gefährten haben Gallien zum neuen Glauben bekehrt. Der ebenfalls mit ihnen auf demselben steuerlosen Boot ins Land gelangte heilige Trophimus ist der Patron der gleichnamigen Kirche in Arles. Eines der schönsten Portale der südfranzösischen Romanik und ein wundervoller Kreuzgang zieren die ehemalige Kathedrale.
In der Camargue
Heute noch wallfahren alljährlich im Mai die Roma Europas zu ihrer Heiligen Sara nach Saintes-Maries-de-la-Mer. Dort in der Marschlandschaft der Camargue kann man in den von Schilf umsäumten Lagunen Flamingos, Pelikane, Löffler, Reiher und sogar Ibisse entdecken und natürlich auch die berühmten schwarzen Rinder und die kleinen weißen Camargue-Pferde.
Inmitten von Salzlagunen steht mit Aigues-Mortes auch die wohl am häufigsten für Mittelalterfilme verwendete Kulisse: Eine komplett erhaltene freistehende Stadtmauer aus dem 13. bis 15. Jahrhundert. Wenn jemand heute innerhalb der Stadtmauer filmen wollte, bekäme er vor allem Confiserie- und Eisgeschäfte vor die Linse. Man kann in den unzähligen Souvenirläden übrigens auch „Fleur de Sel“, die beste Qualität des Meersalzes aus den Salinen vor der Stadt und ein erstaunlich gutes Olivenöl aus den Alpilles und dem Luberon kaufen. In der Provence gedeiht vor allem die kleine Olivensorte Arbequine, die ein sehr fruchtig duftendes Öl ergibt. Ein Faden davon über den Fisch bringt die mediterrane Küche zum Zenit.
Sur le pont d´Avignon
In den nicht weit entfernten Alpilles, bizarren Felsformationen, die aus der Ebene herausragen wie ein Schiff, hat man alles auf engstem Raum beisammen: Einen römischen Stadtbogen nebst Grabmal aus der Zeit des Augustus, die mittelalterliche Ruine von Les Baux und das Sanatorium, in das sich Van Gogh selbst einlieferte. Hier malte er in einem wahren Rausch von Schaffensdrang Blumen, Bäume, Felder und manchmal auch den Sternenhimmel. Zweitausend Jahre Kultur befinden sich also in dieser bukolischen Landschaft dicht beieinander.
Wundert es da noch jemanden, dass selbst die Päpste des 14. Jahrhunderts lieber in Avignon als in Rom feierten? Eines ist aber sicher: Auf dem Pont d'Avignon hat damals niemand getanzt, nicht einmal die Päpste. Er ist zu schmal und das Tanzen auf Kopfsteinpflaster äußerst anspruchsvoll. Nein, es handelt sich einfach um einen Präpositionsfehler. Es müsste heißen „sous le Pont d' Avignon“, denn die Brücke ging natürlich einst weiter zur Rhôneinsel und hinüber ans andere Ufer. Und auf dieser Insel mitten im Fluss befand sich im Mittelalter das Vergnügungs- und Prostituiertenviertel von Avignon; dort wurde getanzt, vermutlich auch unter der Brücke.
Die blauen Wolken der Haut Provence
Weit hinter der Kultur- und Universitätsstadt Aix-en-Provence und weit hinter Cézannes oft gemaltem Mont Sainte-Victoire, steigen die Berge der Haute Provence in den lichtblauen Himmel. Im Spätfrühling beginnt dort die Lavendelblüte des echten Lavendels (Lavandula angustifolia), der die ganze Landschaft mit seinen Blautönen überzieht und die Sinne mit seinem Duft betört. Er wird nicht nur für Seifen und Kosmetik verwendet, er ist auch ein uraltes Heilkraut, mit dem man in früheren Jahrhunderten viele Krankheiten kurierte. Man verwendete ihn gegen Unruhe und Schlaflosigkeit, bei Entzündungen, Magen-Darm-Beschwerden und sogar bei Insektenstichen.
Zusammen mit dem unechten oder Speiklavendel (Lavandula latifolia), der auch in den tieferen Lagen unterhalb 1000 m Meereshöhe gedeiht, ist er die Charakterpflanze der Provence. Ganze Landstriche duften nach ihm. Das bekannteste Fotomotiv des Landes ist wohl die alte romanische Zisterzienserabtei Sénanque mit den Reihen blühender Lavendelbeete im Vordergrund.
Föhren und Pinien
Überhaupt ist die Provence ein Genuss für alle Sinne. Der Duft der Kräuter in der kargen Landschaft: Oregano, Thymian, Rosmarin zusammen mit den Föhren und Pinien füllt die Mittelmeerluft. Da ist es auch kein Wunder, dass für französische Gourmands Städte wie Aix-en-Provence oder Marseille den Inbegriff kulinarischer Lebensfreude darstellen. Gibt es etwas Besseres, als am alten Hafen von Marseille eine Bouillabaisse zu genießen?
Überall in der Provence duftet es nach Sommer und Düfte wecken Erinnerungen.
Millionen, nicht nur französische Kinder haben zum ersten Mal in ihrem Leben in der Provence das Meer erblickt. Millionen nervten ihre Eltern mit den immer wiederkehrenden Fragen: „Mami, wann kommt endlich das Meer?“ und freuten sich auf das Unbekannte. Sie bewunderten schon als Kinder das helle Licht und die mannigfaltigen Düfte dieser traumhaften Gegend.
Und Millionen, nicht nur französische Erwachsene verbinden deshalb mit Ferien den Duft des Meeres, von Pinien und Föhren, von Thymian und Lavendel der Provence.

