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ITALIEN: MONDÄNES MAILAND, MALERISCHES LIGURIEN

VON DR. RAFAEL PREHSLER

 
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Ein mächtiges Gebirge aus hellem Marmor überragt die Dächer dieser Stadt, ist gleichsam ihr Herz, ihr Zentrum, das alles und jeden magisch anzieht: Mailands Dom, der größte gotische Italiens, ist ein architektonisches Wunder. Nicht weniger als fünfhundert Jahre Bauzeit waren nötig, um diese gigantische Kathedrale mit ihren zwölftausend Quadratmetern Grundfläche zu erschaffen. Über dreitausend Statuen zieren Dach und Fassade. Ganz oben thront die Madonnina, die Muttergottes, der das Stadtderby zwischen dem AC Milan und Inter gewidmet ist – auch der Fußball ist hier Religion. 

Über den Brenner
Fährt man über den Brenner nach Mailand, wird schon die Anreise zum Erlebnis. Durch endlose Rebhänge und Apfelbaum-Reihen führt die Straße durch das enge Tal der Etsch nach Trient. In der Stadt, in der einst das epochemachende Konzil tagte, kommt erstmals italienisches Flair auf: Der formvollendete romanische Dom San Vigilio beherrscht die zentrale Piazza mit ihren fotogenen Häusern. Unter den Arkadengängen genießt man Gelato und Caffè; Kinder spielen Fangen, der Neptunbrunnen in der Platzmitte dient ¬ihnen als Leo. 

Mailand
Wirkt Trient noch provinziell, ist Mailand durch und durch weltstädtisch. Die lombardische Metropole ist das Finanzzentrum des Landes, was durchaus kontroversiell gesehen wird: Vor der Börse grüßt seit 2011 die Skulptur L.O.V.E. des Bildhauers Maurizio Cattelan – ein elf Meter hoher Mittelfinger. Wichtiger als das viele Geld ist ohnehin die Mode. Nirgends kleiden sich die Italiener beiderlei Geschlechts stilsicherer, treten sie würdevoller auf als in Mailand. Und so flaniert durch die fantastische Glaskonstruktion der Galleria Vittorio Emanuele II die leibhaftige Eleganz, feine Damen und Herren, gehüllt in ¬Armani, Prada und Versace. Als salotto, Salon, bezeichnen die Milanesi ihre Galerie, die sich zwischen der legendären Bar Camparino (wo der Siegeszug des famosen Bitterlikörs seinen Lauf nahm) und der noch legendäreren Scala erstreckt. Ungebrochen ist der Ruhm des 1778 unter der Schirmherrschaft Maria Theresias eröffneten Hauses, dieser Oper ¬aller Opern, in der schon Giuseppe Verdi und Maria Callas bejubelt wurden. 

Unweit der Scala liegt das Castello Sforzesco, die wuchtige Residenz der Mailänder Renaissance-Herzöge; außerdem das romanische Baujuwel Sant’Ambrogio, eine der ältesten Kirchen der Stadt. Für weitere Höhepunkte der Kunst begibt man sich am besten in die Brera-Pinakothek, für kulinarische Highlights hingegen ins Navigli-Viertel. Dort laden unzählige, direkt am Wasser eines historischen Kanals gelegene Restaurants und Bars zum Einkehren ein. Gelber Risotto alla Milanese bietet sich an, oder ein delikates Piccata-Schnitzel. 

Parma
Auch in Parma, das auf halbem Wege Richtung Meer liegt, lässt es sich genussvoll leben. Die Heimatstadt des Nudelimperiums Barilla ist für ihren Prosciutto und ihren Parmesan-Käse bekannt, hat darüber hinaus aber auch kulturell etliches zu bieten. Außergewöhnlich reich ist das musikalische Erbe: Toscanini wurde hier geboren, Paganini liegt hier begraben und im prunkvollen Teatro Regio finden jedes Jahr Verdi-Festspiele statt. 
Auch in Parmas Dom waren Virtuosen am Werk. Das Innere des Gotteshauses ist mit herrlichen Fresken ausgemalt, als echtes Meisterwerk gilt Correggios bahnbrechende Himmelfahrt Mariens in der Kuppel. Der Maler verstand sich auf Dynamik und Farb¬einsatz, kühn war allerdings die Wahl der Perspektive. Denn der Betrachter blickt von unten in den Himmel, sieht demnach vornehmlich nackte Beine und Fußsohlen. Dem damaligen Bischof soll das nicht geschmeckt haben – angeblich fühlte er sich an ein Froschschenkel-Ragout erinnert. 

In unmittelbarer Nähe der Domkirche befinden sich die wunderbare oktogonale Taufkirche und die ehemalige Residenz der Farnese-Familie, der pompöse Palazzo della Pilotta. Unbedingt sehenswert sind die Gemäldegalerie und das im Palast integrierte, grandiose Theater aus dem 17. Jahrhundert, das vollständig aus Holz erbaut wurde.

An der Küste Liguriens
Nach so viel Kunst und Geschichte lockt das glitzernde Meer vor der ligurischen Küste. Von der quirligen Hafenstadt La Spezia gelangt man mit dem Ausflugsboot nach Portovenere. Golf der Dichter wird die hiesige Bucht genannt, die ob ihrer Schönheit bereits im 19. Jahrhundert die englischen Wort-akrobaten Byron, Keats und Shelley in ihren Bann zog. Portovenere selbst ist ein Bilderbuch-Dorf par excellence: Bunte Häuschen leuchten auf das Meer hinaus, Fischerboote schaukeln zeitlos im Hafen, eine kleine Kirche bekrönt einen weit ins Meer ragenden Felssporn, über allem ruht die Ruine einer mittelalterlichen Burg. 

Malerische Cinque Terre
Weiter geht es in den weltberühmten Nationalpark der Cinque Terre, der sich entlang einer spektakulären, schwer zugänglichen Steilküste erstreckt. Die fünf namensgebenden Dörfer Riomaggiore, Manarola, Corniglia, Vernazza und Monterosso blieben aufgrund der natürlichen Gegebenheiten über viele Jahrhunderte weitestgehend abgeschottet und konnten sich so ihre authentischen Ortsbilder bewahren. Man spaziert durch gewundene Gässchen, staunt über die Farbenpracht der Häuserfassaden mit ihren charakteristischen Fensterläden, kostet sich in Bars durch lokale Köstlichkeiten und lässt auf der Mole die Seele baumeln. 

In den Hängen über den Ortschaften wird noch immer Landwirtschaft betrieben. Auf steilen, mit Steinmauern gestützten Terrassen kultivieren die Bewohner in mühevoller Handarbeit Wein oder Oliven. Das Klima an Liguriens Küste ist erfreulich milde, lässt sowohl die typisch mediterrane Macchia als auch subtropische Gewächse prächtig gedeihen.

Weiter nördlich, am Fuße der dichten Steineichenwälder des Apennin, direkt am Ufer des Golfo di Paradiso, liegt die Gemeinde Camogli. Mit der gelben Kirche Santa Maria Assunta, die sich malerisch im Wasser spiegelt, bietet der Ort eines der schönsten Fotomotive Liguriens. Nur über das Wasser erreicht man von Camogli aus die Abtei San Fruttuoso, die gut versteckt in einer geheimen Bucht liegt. Im Kontrast dazu erscheint die glamouröse Welt von Portofino: War es zunächst die europäische Aristokratie, die das schmucke Fischerdorf für sich entdeckte, ließen sich ab den 1950er-Jahren vorwiegend die Stars aus Hollywood hier nieder. Man kann sie gut verstehen, sind derart traumhafte Orte doch rar gesät.

 
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