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FRANKREICH: CÔTE D‘AZUR: AN DER AZURBLAUEN KÜSTE

VON DR. RAFAEL PREHSLER

 
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Anfang der 1920er-Jahre hält sich ein Maler an der Côte d’Azur auf. Er bewohnt eine zweistöckige Wohnung an der zentralen Place Charles-Félix in Nizza, nur einen Steinwurf entfernt von der Baie des Anges, der Bucht der Engel. Der Maler, Henri Matisse mit Namen, leidet an Bronchitis. Zum Umzug an die französische Mittelmeerküste hat ihm sein Arzt geraten, des milden Klimas wegen. Matisse vertreibt sich die Zeit mit seiner Staffelei. Das helle Licht des Südens inspiriert ihn, die Stadt wird ihm zum Motiv. Er hält Szenen des Alltags fest, fängt die leuchtenden Farben Nizzas ein, das Türkisblau des Meeres, die Terracotta-Töne der Hausfassaden, das Grün der Fensterläden. Er wird der Stadt treu bleiben – in Cimiez, nördlich des Zentrums, findet Matisse seine letzte Ruhestätte. 

Nizza, Nice
Nizza, einst gegründet als griechische Handelsniederlassung Nikaia, ist ein Schmelztiegel zweier Kulturen – der französischen und der italienischen. Erst 1860 kam die Stadt offiziell zu Frankreich, noch heute reihen sich Pizzerien und Crêperien aneinander. Das Leben ist südländisch, spielt sich – auch im milden Winter – draußen ab. Beliebtester Treffpunkt ist die weltberühmte Promenade des Anglais, die entlang des hellen Kieselstrandes verläuft. Auf der „Prom“ tummeln sich Spaziergänger, Jogger und Inlineskater; Pärchen sitzen unter weißen Pergolen und genießen die Aussicht. Wie der Name schon verrät, waren es betuchte Engländer, die bereits im 19. Jahrhundert in Scharen an die Côte d’Azur kamen und sich hier niederließen. Sie initiierten nicht nur die Anlage der Promenade, sondern errichteten darüber hin¬aus prächtige Domizile im damals eben erst entstehenden Stadtviertel Newborough. Bald schossen allerorts Hotels im Stil der Belle Époque aus dem Boden, darunter das längst Kult gewordene, 1912 eröffnete Negresco.

Seinen ursprünglichen Charakter zeigt Nizza in der historischen Altstadt zu Füßen des Burgbergs. Verwinkelte, von bunten Häuserfassaden flankierte Gassen führen zur barocken Kathedrale Sainte-Réparate und zum Cours Saleya. Der Platz ist das Wohnzimmer der Nizzaer, täglich findet hier ein Markt statt. Man nascht marinierte Oliven und Socca, Pfannkuchen aus Kichererbsenmehl, trinkt ein Gläschen Rosé. 

Etwas nördlich der Altstadt befindet sich das beispiellose Musée National Marc Chagall, das die weltgrößte Sammlung des Ausnahmekünstlers beherbergt. Fährt man noch etwas weiter den ansteigenden Hügel hinauf, erreicht man den Stadtteil Cimiez. Hier lassen sich die Franziskanerkirche mit ihrem gepflegten Klostergarten, römische Ausgrabungen samt Arena und der riesige Hotelkomplex Régina Palace besichtigen, der von keiner Geringeren als Königin Victoria eröffnet wurde. 

Östlich von Nizza ragt das exklusive Cap Ferrat ins Meer, bekrönt von der Villa ¬Ephrussi de Rothschild mit ihrem rosafarbenen Palais. Wahrhaft paradiesisch ist die sieben Hektar große Parkanlage, die von mediterranen bis tropischen Gewächsen alles zu bieten hat. Auf ihre Kosten kommen Freunde der Gartenkunst auch im Jardin Exotique in Èze. Das verträumte Bergdorf liegt auf einem Felssporn gut vierhundert Meter über dem Meer an der legendären Küstenstraße Corniche, die Hitchcock als Drehort für „Über den Dächern von Nizza“ diente. Während man im exotischen Garten durch allerlei Zitrusgewächse, Kakteenarten und Bananenstauden wandelt, bietet sich ein fantastischer Weitblick auf die Küstenlinie und die schier endlose tiefblaue See. 

Menton und Monaco
An üppiger Vegetation mangelt es auch in Menton nicht. Die Stadt nahe der italienischen Grenze gilt als wärmstes Seebad an der Côte d’Azur und war schon im 19. Jahrhundert ein gut besuchter Kurort. Um das schönste Foto von der Altstadt mit ihren vielfärbigen Häusern und dem markanten Turm der Basilique Saint-Michel Archange aufzunehmen, spaziert man am besten zum Alten Hafen hinaus. Anschließend führt die ebenfalls fotogene gelbe Treppe zum italienisch anmutenden Kirchplatz hinauf, von wo aus man durch die hübschen Gassen flanieren kann. 

Nur ein Katzensprung ist es von Menton ins Fürstentum Monaco. Der Glamour der Gegenwart und der Mythos des Formel-1-Rennens täuschen ein wenig darüber hinweg, dass sich die Grimaldi einst mit einer List, nämlich als verkleidete Mönche, des Burgfelsens von Monaco bemächtigten. Als dann Mitte des 19. Jahrhunderts das pompöse ¬Casino eröffnet wurde, gab es kein Halten mehr – die europäische Noblesse kam, (ver)spielte und ließ ihr Vermögen im Fürstentum. Heute ist Monaco mit seinen Luxusboutiquen, seinem Yachthafen, dem Fürstlichen Palais und dem interessanten ozeanographischen Museum eine Welt für sich. Und natürlich ist es aufregend, entlang jener knappbemessenen Straße zu flanieren, über die alljährlich die Rennboliden hinwegdonnern. 

Cannes und Grasse
Hoch her geht es auch in Cannes, wo, wie Jean Cocteau einmal meinte, „das Exzentrische banal ist“: Der palmengesäumte Boulevard de la Croisette führt entlang des Ufers bis zum roten Teppich vor dem Palais des Festivals. Seit achtzig Jahren finden in Cannes die renommierten Filmfestspiele statt, wird hier die gefragte Palme d’Or vergeben. Den Filmstars kann man auf dem Chemin des Étoiles begegnen, wo sich einige große Namen mit Handabdruck und Unterschrift verewigt haben. Unweit, in Antibes, erwarten den Besucher ein wunderbarer Lebensmittelmarkt und ein sensationelles, in der ehemaligen Grimaldi-Burg untergebrachtes Picasso-Museum.

Im hügeligen Hinterland der Côte liegt die Gemeinde Grasse, der Patrick Süskind ein literarisches Denkmal gesetzt hat, war die Stadt doch einst Zentrum der europäischen Parfumproduktion. Noch heute wachsen auf den fruchtbaren Feldern rund um Grasse duftintensive Blumen wie Mairosen, Veilchen oder Jasmin. Und nach wie vor kreieren die so genannten „Nasen“ im Auftrag großer Häuser wie Fragonard oder Molinard neue Parfums. Landschaftlich spektakulär führt der Weg schließlich durch die Schlucht des Flusses Loup nach Saint-Paul-de-Vence. In der malerischen, von mächtigen Mauern eingefassten Ortschaft, in der man heutzutage das Boule-Spiel pflegt, haben sich schon die Herren Modigliani und Chagall äußerst wohlgefühlt. Und Matisse? Er gestaltete im Nachbarort Vence die Rosaire-Kapelle, die vielen als Höhepunkt seines Schaffens gilt.

 
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