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MAROKKO - MAGISCHE PLäTZE UND WUNDERBARE BEGEGNUNGEN ZWISCHEN KöNIGSSTäDTEN UND SANDDüNEN

VON ELISABETH KNEISSL-NEUMAYER

 
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Mehr als 4000 m hohe Gebirgszüge, einzigartige Sanddünen, wilde Schluchten, herrliche Küstenlandschaften und weite fruchtbare Ebenen bestimmen das Landschaftsbild von Marokko - wie Juwelen stechen mitten drinnen römische Ausgrabungen, Berber- (korrekt: Amazigh) Kasbahs und die einzigartigen Paläste, Medresen und Moscheen der Königsstädte heraus.

Viele wunderbare Werbetexte wurden zu Marokko geschrieben - ein Land, das alle Sinne anspricht, ein Land des einzigartigen Kunsthandwerks, Tor zu Afrika und Perle des Orients - und alles greift irgendwie zu kurz, weil Marokko einfach viel mehr bieten kann - landschaftlich, kulturell, in puncto Gastfreundschaft.

FÈS
Wir spazieren vom Bab Boujeloud durch schier endlose Soukgassen durch die wunderbare Altstadt (Medina) von Fès (UNESCO-Welterbe) - von den Festungsmauern geht es durch Wohnviertel, Gewürz- und Gemüsesouks, vorbei an Handwerkern, Moscheen, Kaffeehäusern und Geschäften immer weiter hinunter zur Hauptmoschee - der Karaouine / Qarawīyīn, die Mitte des 9. Jahrhunderts errichtet wurde. Moscheen sind bis auf die Moschee Hassan II in Casablanca Orte, die nicht für Touristen geöffnet sind. Aber die Heiligkeit des Platzes, die historische und politische Bedeutung spürt man auch beim Blick hinein in die Innenhöfe. Einer der für mich magischsten Plätze in Fès liegt gleich daneben, die Medersa al-Attārīn - ein Kunstwerk aus Gipsschnitt, Holzschnitzereien, Fayencen mit einer Formenvielfalt von höchster Qualität, die einen nur ergriffen staunen lässt - über Stalaktittürbögen und Suren aus dem Koran in scheinbar endlos langen Spruchbändern an den Wänden … und bezaubernden Fayence-Farben ... sie ist zwar eine kleinere Koranschule (entstanden um 1325), aber so fein gearbeitet, dass die Besichtigung für mich ein Muss ist. 

ÜBER DEN ATLAS
Der Weg über den Mittleren Atlas führt vorbei an riesigen Schaf- und Ziegenherden, die im späten Frühling auf die grünen Weideflächen zwischen alten Vulkanbergen und Zedernwäldern getrieben werden - eine idyllische Landschaft, durchsetzt von kleinen Seen und Dörfern. Midelt, das im Schatten des östlichen Hohen Atlas liegt, war lange Zeit eine wichtige Bergbaustadt - die beliebtesten Souvenirs sind dementsprechend Mineralien, ob Azurit oder Vanadinit, Wulfenit oder Aquamarin oder vielleicht doch eine Sandrose? Und wer lieber kulinarische Erlebnisse wünscht, kann eine wunderbare Atlas-Forelle kosten.
Auf der Passstraße über den Tizi n’Talghamt überqueren wir den Hohen Atlas und erreichen die Schlucht des Oued Ziz, der sich in die kargen Felshänge des Hohen Atlas geschnitten hat. Ein Blauton, den wir später noch nördlich von Essaouira am Ziz-Stausee bewundern - der Staudamm war eine wichtige Baumaßnahme, allzu wilde Frühlingsregen werden damit abgefangen, die Bewässerung des südlich gelegenen Tafilalet kann jetzt viel besser reguliert werden, auch die Wasserversorgung für die Bevölkerung. 

IM LAND DER AMAZIGH
Südlich von Errachidia erstreckt sich rings um Erfoud und Rissani das Tafilalet - die größte Oasenregion Marokkos mit mehr als 300 Dörfern und gut 2 Millionen Dattelpalmen. Aber noch viel wichtiger als Palmenkulturen ist der Tourismus - am östlichen Rand des Tafilalet erstrecken sich die majestätischen Sanddünen des Erg Chebbi mehr als 20 km in Nord-Süd-Richtung. Wenn Sie immer schon davon geträumt haben, in gewaltigen Dünenbergen zu stehen, aber keine Wüstenreise unternehmen wollen - hier ist IHR Platz. Und irgendwie auch einer meiner magischen Plätze - wenn man erzählt, dass hier 150 Hotels in den letzten Jahrzehnten entstanden sind, dann klingt das nach sehr viel Tourismus. Den man dann in Merzouga aber doch nicht so spürt - auf der Asphaltstraße reist man mit dem Bus an - wie große Kasbahs wirken die Hotels, mit kleinen Innenhöfen und Palmen, mit Swimmingpools und Restaurants. Und am hinteren Ausgang ist dann nichts zu sehen außer ein paar Kamelen und Sanddünen über Sanddünen. Ein gewaltiger Sandsturm hat uns die Nacht kaum schlafen lassen - zum Sonnenaufgang gab es einen Regenguss, aber eine Stunde danach war die Sanddünen-Landschaft in bezauberndes Licht getaucht. Gesehen habe ich genau zwei Touristen, die ebenso begeistert waren wie ich … begeistert über all die grafischen Linien im Sand, über die Muster, die der Wind gezeichnet hat, die Spuren von Insekten.

Vorbei an unzähligen Foggaras oder Qanats - historischen unterirdischen Wasserkanälen - erreichen wir bei Tinghir die Straße der Kasbahs. Ein Prachtbild mit zahlreichen Kasbahs, wenn der Zahn der Zeit nicht so eindeutig nagen würde. Wir sind im Land der Stampflehmbauten - die traditionelle Bauweise hier im Süden des Hohen Atlas. Mehrstöckig und fast wie Bienenwaben wurden diese Festungen für Großfamilien errichtet und bedürfen eindeutig viel Pflege - Starkregen setzen den Stampflehmbauten immens zu. Und viele Marokkaner bevorzugen mittlerweile Ziegelbauten, die einfacher zu warten sind und über alle Annehmlichkeiten wie Wasser und Strom verfügen. Ich hoffe inständig, dass noch nicht das Ende der Kasbahs eingeläutet wurde - sie sind so sehr bestimmender Bestandteil unseres Bildes des Maghreb und natürlich von Südmarokko. Mit Tinghir beginnen auch die großen Schluchten, die uns im Hohen Atlas begeistern - hier die Todra-Schlucht, bei der die Steilwände fast 300 m hoch und fast senkrecht emporragen. 

Doch es gibt noch vielfältigere Schluchten - die Dadès-Schlucht ist definitiv eine davon. Vom westlich gelegenen Boumalne du Dadès folgen wir auf kurvigen Straßen dem Dadès-Fluss vorbei an kleinen und größeren Feldern und zahlreichen Silberpappeln - hier auf mehr als 1600 m Seehöhe gedeihen kaum Palmen … Wir passieren Dörfer mit wunderbaren alten Kasbahs wie Aït Youl und Aït Arbi, rot leuchtende Felsen, bizarre Felsformationen. Nach gut 40 km verengt sich die Schlucht und über mehrere spektakuläre Serpentinen führt der Weg hinauf in den engsten Teil der Dadès-Schlucht. Am Rückweg kommt dann wieder einer der so fantastischen magischen Plätze Marokkos in den Blick - die „Affenpfotenfelsen“, eine bizarre Wollsackverwitterung, die einen Abschnitt des Dadès-Flusses bestimmt. Rötlich schimmernde abgerundete Felsen türmen sich hier zu gewaltigen Steilwänden auf, die von kleineren Canyons durchzogen werden. In Kombination mit Kasbahs bewundern wir hier eines der schönsten Motive Südmarokkos.

KASBAHS VON SKOURA UND AÏT-BEN-HADDOU
Von Boumalne folgen wir dem Dadès-Tal westwärts Richtung Ouarzazate – die Ausblicke sind einzigartig – über den Dattelpalmen im Flusstal erheben sich die Gebirgsketten des Hohen Atlas, bis weit in den Frühling hinein schneebedeckt. Inmitten der Oase von Skoura erhebt sich die Feudalkasbah Amridil – ein wunderschönes Beispiel eines prächtigen Festungsbaus, der auf das 17. Jh. zurückgeht – die Familie Nasiri lebt in einem Teil der Anlage bis zum heutigen Tag. Von der Dachterrasse öffnet sich der Blick über die verzierten Türme der Kasbah hinweg, über die Flussoase bis hin zum Hohen Atlas. 

Wir passieren Ouarzazate, das heutzutage zweifach Furore macht – einerseits als Filmdrehort für Blockbuster wie Game of Thrones, Gladiator, Medicus oder Kundun – und ganz viel früher Lawrence von Arabien.
Andererseits entstand und entsteht hier das weltweit größte Solarkraftwerk – die Ouarzazate Solar bzw. Noor Power Station, die über 2 Millionen riesengroße Spiegel sowie Photovoltaikanlagen das Sonnenlicht auffängt und Strom produziert.

Nur wenige Kilometer nördlich von Ouarzazate liegt eines der schönsten befestigten Dörfer Marokkos in einem Seitental – klingt nach Geheimtipp, ist aber ganz eindeutig einer der meistbesuchten Plätze im Süden Marokkos: Der Ksar Aït-Ben-Haddou mit seinen fast vollständig erhaltenen Kasbahs innerhalb der Stadtmauer zählt zum UNESCO-Welterbe – und obwohl viel besucht - zu den magischen Plätzen des Landes. Irgendwann in den 1960er Jahren des 20. Jh. sind die meisten Bewohner aus ihren alten Kasbahs ausgezogen, haben auf der anderen Seite des Flusses ein neues Dorf aufgebaut, das heute die ganze Infrastruktur für die zahlreichen Besucher bietet. Aber sie haben den Ksar Aït-Ben-Haddou nie vernachlässigt – die Wohnburgen blieben erhalten und dienten seit Sodom und Gomorrha (1962) auch als perfekte Filmkulisse. Derzeit wird eine Einigung mit der UNESCO angestrebt, um unterirdisch Strom und Wasser in den Ksar zu leiten – ein kleines Hotel wird bereits betrieben, größere Hotelkonzerne wie Xaluca warten schon länger darauf, hier inmitten des befestigten Dorfes ein ganz besonderes Hotelerlebnis zu ermöglichen.
Bis es soweit ist, gehen wir lieber auf einen Tee zu Nadia in das Tawesna Teehaus – eine Frauenkooperative betreut und bekocht diese wunderbare Einrichtung. Vor einigen Jahren haben sich 140 Frauen des Ortes getroffen, um gemeinsam eine Erwerbsquelle außerhalb des Hauses zu finden – dabei entstand die Idee eines Teehauses direkt in Aït-Ben-Haddou. Von den 140 bekamen allerdings nur 40 die Erlaubnis der Familie/des Ehemannes, hier wirklich zu arbeiten – dann begann die Suche nach Land. Ein einziger Mann des Dorfes war bereit, ihnen gleich bei der Brücke ein Stück Land zu vermieten – und die erste Pilotin von Royal Air Maroc, Loubna Mouna mit Wurzeln in Aït-Ben-Haddou, half ihnen bei der Einrichtung des Teehauses. Wenn man zu Nadia und den anderen Frauen der Kooperative kommt, wird man mit großer Freundlichkeit und Gastfreundschaft empfangen – und genießt Säfte, Tee, Gebäck und authentische Amazigh-Küche. 
Nochmals überqueren wir den Hohen Atlas über den 2260 m hohen Tizi n’Tichka- Pass und erreichen mit fantastischen Ausblicken die fruchtbare Landschaft des Ourika-Tals. Hier gedeihen Safranpflanzen, hier finden wir Ländereien, auf denen Gewürze und Kräuter für bioaromatische Tees heranwachsen. Hier liegt aber auch der wunderbare ANIMA-Garten von André Heller, bestückt mit zahlreichen Kunstwerken, versteht er sich als magischer Ort der Sinnlichkeit, der von unseren Reisegästen heiß geliebt wird. 

SELBSTERMÄCHTIGUNG
Hier in den Vorbergen des Hohen Atlas liegen auch einige Projekte der High Atlas Foundation – auf dem alten jüdischen Friedhof von Akriche wurde eine Gärtnerei für Fruchtbäume eingerichtet, die jährlich durch Stecklingsvermehrung 45.000 – 55.000 Oliven- und Granatapfelbäume, Feigen- und Johannisbrotbäume Kleinbauern gratis zur Verfügung stellt. Im nahen Achbarou ist es wieder der Mut von ganz besonderen Frauen, der eine Kooperative am Leben erhält. Gemeinsam weben und sticken und nähen 10 Frauen in der Achbarou Kooperative Teppiche und Pölster. Treibende Kraft ist hier Samira, die gegen viele Vorurteile vor allem der Männer des Ortes ankämpfen musste und gemeinsam mit der High Atlas Foundation und Caritas das Gebäude errichten konnte, in dem heute gemeinsam gearbeitet wird, aber auch Touristengruppen zu typischem Frühstück und Mittagessen empfangen werden. Die Frauen, die allesamt in jungen Jahren die Schule verlassen mussten, setzen sich jetzt auch zusammen, um gemeinsam weiterzulernen, auch Sprachen, um mit den Kunden reden zu können. Samiras größter Wunsch ist, dass ihr Beispiel auch anderen Frauen den Mut gibt, selbstbestimmter zu leben.

FINALE IN MARRAKECH
Der würdige Abschluss der Reise ist Marrakech – die Perle des Südens oder – wie es wörtlich in der Sprache der Amazigh heißt, das Land Gottes, deren rote Stadtmauern den perfekten Kontrast zu den Palmen- und Olivenhainen und dem bis in den Frühling schneebedeckten Hohen Atlas bilden. Die großartige Koutoubia- Moschee, deren Minarett zeitgleich mit der Giralda in Sevilla entstand (1195 – 1199), zählt zu den schönsten Bauwerken aus der Zeit der Almohaden-Dynastie. Aber da erwartet uns noch so viel mehr – die weitläufigen Souks inmitten des UNESCO-Welterbes, die Viertel der Handwerker und Händler, Paläste wie der Bahia Palast oder das Musée de Marrakech, die bezaubernde Medersa Ben Youssef, die schöne Synagoge oder das tägliche Spektakel am Djemaa el-Fna, das mit seinen Märchenerzählern und Musikanten und Schaustellern zum immateriellen Welterbe zählt. Prachtvolle bis einfache Hotels und Riads bieten die Infrastruktur für die zahlreichen Besucher der Stadt. Wer am Abend gut und mit erstklassiger Aussicht auf die Koutoubia speisen will, dem empfehle ich den El Fenn Riad. Mein letzter magischer Punkt ist ebenfalls gut bekannt – und wenn man wirklich um 8 Uhr morgens kommt, eine Oase der Ruhe und der Farben: der Jardin Majorelle wurde seit 1923 vom französischen Maler Jacques Majorelle angelegt, auf den die grundlegende Ausrichtung mit Pflanzen aus aller Welt und dem ganz besonderen Kobaltblau, das berühmte „Majorelle-Blau“ zurückgeht. 1980 wurde der Garten von Yves Saint Laurent und seinem Partner Pierre Bergé gekauft, die dem Garten den letzten Schliff gaben. Der Reiz der Anlage besteht aus dem Wechsel aus Blau- und Grüntönen in Kombination mit kräftigem Gelb und Orange. Ja, auch ich bin mit ein paar Döschen Majorelle-Blau heimgeflogen, um mir ein klein wenig Marrakech/Marokko zuhause einzurichten …

 
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