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ÄGYPTEN: KAIRO

VON ELISABETH KNEISSL-NEUMAYER

 
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Kairo begeistert – mit einzigartigen Pyramiden, mittelalterlichen Moscheen und Palästen in der historischen Altstadt, koptischen Kirchen in Alt-Kairo und derzeit vor allem mit dem Grand Egyptian Museum, das im November 2025 eröffnet wurde. Gleichzeitig gilt Kairo als Megalopolis mit mehr als 20 Mio. Einwohnern in der Metropolregion, irritiert mit ständig verstopften Straßen, oft mit Smog und immer mit Müllproblemen.

Die älteste Moschee
Was macht den Reiz dieser so ambivalenten Großstadt aus? Ich beginne mit der ältesten noch erhalten gebliebenen Moschee von Kairo, der Ibn Tulun Moschee: Wir verdanken sie dem Statthalter der Abbasiden, der sie 875 errichten ließ - mit einem gewaltigen Hof und einem Minarett, das in seiner gedrehten Form an die Moschee von Samarra erinnert. Draußen kann es noch so laut und hektisch sein, hier sind wir an einem Ort des Gebets und der Stille. 
 
Im „Historischen Kairo“
Gehen wir in der Geschichte etwas weiter, landen wir in der Zeit der Fatimiden, die 972 ihre Hauptstadt nach Kairo verlegten und von hier aus ganz Nordafrika regierten. Nördlich der Ibn Tulun Moschee liegt die al-Muizz Straße, die älteste Straße von Kairo und das Kerngebiet des UNESCO-Welterbes „Historisches Kairo“, das sich vom alten Stadttor Bab al-Futuh im Norden durch den Khan el-Khalili Souk bis zum Bab Zuweila und darüber hinauszieht. Unter den Fatimiden entstanden hier erste Paläste und Moscheen sowie die mächtige Stadtmauer. Die prachtvollsten Bauten verdanken wir aber den Mameluken, die als zentralasiatische Söldner ins Land geholt worden waren. Ab 1250 bestimmten sie als Sultane für knapp 270 Jahre die Geschichte des Landes und die Architektur des historischen = islamischen Kairo. Herausragend ist der Qalawun-Komplex, primär ein Spital, das mit dem Mausoleum des Qalawun und einer Madrasa (Koranschule) erweitert wurde. Das 1285 fertiggestellte Mausoleum begeistert mit Marmoreinlegearbeiten, schönen Holzdecken, Buntglasfenstern und Gipsschneidekunst - für mich der stimmigste Bau im islamischen Kairo. 70 Jahre später wurde die damals größte Moschee der islamischen Welt, die Sultan Hassan Moschee am Fuße des Zitadellenhügels errichtet. Auch hier hat man die besten Handwerker ihres Fachs zusammengeholt - einzigartige Details wie Marmoreinlegearbeiten, aber auch die vier großen Iwane rings um den Innenhof sind beeindruckend.

Die Straßen des Nagib Machfus
Rings um die al-Muizz Straße sind Schauplätze einiger Romane des ägyptischen Literaturnobelpreisträgers Nagib Machfus (1988 als erster arabischsprachiger Autor ausgezeichnet). Hier ging er zur Schule, hier waren die Schauplätze der Kairo-Trilogie, die aus dem alltäglichen Leben der Bewohner von Kairo erzählten und ihn weltberühmt machten. Viele seiner Romane wurden verfilmt, seine Werke gehören eigentlich in das Gepäck eines jeden Kairo-Reisenden.

Spaziert man die al-Muizz Straße vom Qalawun Komplex weiter nach Norden, passieren wir Moscheen, Kaffeehäuser, Geschäfte, alte eindrucksvolle Brunnenhäuser (Sabile) und erreichen schließlich einen der schönsten Paläste von Kairo - das Bayt al-Suhaymi aus dem 17. Jh. Wir stehen in Wohnräumen mit wunderschönen Mashrabiyas - Holzgittern, die es erlaubten hinauszusehen, aber nicht hineinzuschauen, mit herrlichen Fayencen, Buntglasfenstern und schönen Teppichen. Am Ende der al-Muizz Straße liegt das gewaltige nördliche Stadttor Bab al-Futuh als Teil der wuchtigen Stadtmauer, von der man die Altstadt gut überblicken kann. Wenn man die steilen Stufen erklimmt, wird man feststellen, dass die Pyramiden einen Teil des Baumaterials „geliefert“ haben.

Alt-Kairo und Totenstädte
Jahrhunderte vor der islamischen Altstadt sind über den alten römischen Festungsmauern von Babylon im 3. und 4. Jh. koptische Kirchen entstanden. Alt-Kairo nennt sich der Stadtteil nahe dem alten Töpferviertel Fustat heute, er birgt Kostbarkeiten wie die Ben-Esra-Synagoge, die Sergiuskirche sowie die Hängende Kirche mit wunderbaren Ikonen, Ikonostasen und Kanzeln. Zwischen dem Zitadellenhügel und Fustat liegen riesige Totenstädte, in denen zigtausende Menschen beigesetzt wurden, teils in einfachen Häusern, teils in Grabmoscheen. Zurzeit bemüht sich die Stadtverwaltung wegen Wohnungsnot einen Teil dieser Gräber aufzulösen und den Toten einen würdigen Platz in der westlichen Wüste Richtung Fayoum zu bieten. 
 
Es beginnt in Sakkara
Wir gehen auch ganz zurück zum Anfang, zum ersten monumentalen Steinbau der Menschheit: Nahe der alten Reichshauptstadt Memphis liegt die dazugehörige Totenstadt Sakkara - hier entstand 2700 v. Chr. der eindrucksvolle Bau, der eigentlich keine Pyramide, sondern eine Stufenmastaba ist und der dem genialen Baumeister Imhotep zugeschrieben wird. Seine Leistungen wurden in späteren Zeiten als „göttlich“ anerkannt. Die Anlage umfasst ein riesiges Areal mit Tempeln und noch immer rätselhaften Grabbauten, die bis heute nicht gedeutet werden können. Rings um Djosers Pyramide wurden zahlreiche Gräber für Beamte und Würdenträger errichtet – mit wunderschönen und farbenprächtigen Reliefs und Fresken über das irdische Leben des Verstorbenen: Jagd, Fischerei, Landwirtschaft, die Vorbereitung des Grabbaus u.v.m. Sie enthalten aber auch die ältesten bekannten Totentexte, die dem Verstorbenen auf dem Weg in die Unterwelt helfen sollen - besonders gut sind sie in der Unas-Pyramide zu sehen. 
 
Fantasiewelten der Wissa Wassef Schule
Am Weg zu den Pyramiden von Gizeh legen wir einen Stopp bei der Aga Khan Foundation ein - die Wissa Wassef Schule wurde in den 50er Jahren des 20. Jh. vom Architekten Ramses Wissa Wassef gegründet, der hier für junge Ägypter der umliegenden Dörfer eine Kunstschule für Weberei gründete. Er vertraute der Fantasie der jungen Schüler, die in den Webteppichen „ihre“ Welt ausbreiteten - mit Wasserbüffeln und Kuhreihern, mit Dorfkindern und Landarbeitern. Heute führt Suzanne, die Tochter des Architekten, die Schule. Die teils riesigen und umwerfend schönen Bildteppiche sind in allen großen Museen der Welt zu finden - ob im Metropolitan Museum New York oder Victoria & Albert Museum London oder auch im Rupertinum in Salzburg …

Bei den Pyramiden
„Seid euch bewusst, dass von diesen Pyramiden vierzig Jahrhunderte auf euch herabblicken.“ Wer immer behauptet, dass die Errichtung der großen Pyramiden von Gizeh ein geklärtes Rätsel ist, erzählt nicht die volle Wahrheit. Wir wissen von Seitenarmen des Nils, die während der Nilüberschwemmung direkt zu den Taltempeln der Pyramiden führten. Es gibt unzählige wissenschaftliche Arbeiten über Tangentialrampen oder gerade Rampen, über die zigtausende Arbeiter um 2600 v. Chr. gut 2,3 Mio. gewaltige Steinblöcke - jeder mit einem Gewicht von mehr als 
2 Tonnen, bis auf maximal 146 m Höhe schleppen sollten. Hauptsächlich wurde Kalkstein aus dem Gizeh-Plateau verwendet, für Gänge und die Grabkammer nutzte man Granit, die Verkleidung, die fast zur Gänze fehlt, bestand aus hellem Tura-Kalkstein. Die einzigen bis jetzt aufgefundenen Papyri zu den Arbeiten stammen vom Transport dieser Kalkblöcke aus Tura am östlichen Nilufer. Alle anderen Erzählungen wie die von Herodot entstanden mehr als 2200 Jahre nach dem Bau der Pyramiden, womit u.a. die Länge der Bauzeit (20 Jahre?) und die Menge der eingesetzten Arbeiter mit großer Vorsicht zu lesen sind. Der Faszination erliegt jeder Besucher, der vom Plateau oder vom Taltempel beim Sphinx die mächtigen Pyramiden bewundert.

Endlich im GEM
Direkt anschließend an das Pyramidenplateau entstand in 15 Jahren Bauzeit seit 2009 das größte archäologische Museum der Erde, das GEM = Grand Egyptian Museum, welches das aus allen Nähten platzende alte Ägyptische Museum ersetzen sollte. Das GEM bietet unterschiedliche Sammlungen unter einem Dach - einen Überblick über die einzelnen ägyptischen Epochen von den Ursprüngen bis in die Spätzeit, jeweils unterteilt in Alltagsleben/Gesellschaft, Königshaus und Göt-terwelt - die Exponate sind großartig präsentiert und ermöglichen einen guten Überblick. Daneben ist endlich ausreichend Platz für die wunderbaren Grabbeigaben des Tutenchamun - wer im Tal der Könige in seinem sehr kleinen Grab stand, tut sich allerdings schwer zu glauben, dass all diese Gegenstände dort hineingepasst haben. Und man kann im GEM auch die grandiose Sonnenbarke des Pharao Cheops/Khufu bewundern, die aus Zedernholz originalgetreu zusammengesetzt wurde, mehr als 43 m lang! In der Grand Hall beeindruckt die fantastische 11 m hohe Kolossalstatue von Ramses II, auf der Grand Staircase Statuen und Sarkophage. Für mich die beste Besuchszeit sind Nachmittag und Abend an den langen Öffnungstagen - dann sind nur mehr wenige Besucher in den Hallen, dann sinkt der Lärmpegel und man hat das Gefühl, allein der ägyptischen Geschichte gegenüberzustehen.

 
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