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USA: ANASAZI

VON MAG. REINHARD WOGRITSCH

 
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Wir schreiben das Jahr 1538. Der Franziskanermönch Marcus de Niza erhält vom Spanischen Vizekönig in Mexiko, Antonio de Mendoza, den Auftrag nach den 7 Städten im sagenumwobenen Land Cibola zu suchen, das weit jenseits der Grenzen ihres bekannten Territoriums liegen und unermessliche Schätze beherbergen soll. Im Frühjahr 1539, nach mehreren Wochen voller Mühen und Strapazen, erreicht die Expedition letztendlich ihr Ziel. Pater Marcus de Niza schreibt: ‘Wir haben Cibola entdeckt, das, in einer Ebene liegend, sich an den Hang eines sanften Hügels schmiegt. Ein hervorragender Platz für eine Siedlung, den schönsten, den ich in dieser Gegend gesehen habe!’ Was der Franziskaner von einem der gegenüber liegenden Tafelberge wohl erblickt hatte, war eines von vielen markanten Beispielen für die herausragende Architektur zahlreicher einst im amerikanischen Südwesten lebender Kulturen: Reihen von aneinander gefügten Gebäuden, zum Teil mehrere Stockwerke hoch, umsäumt von Gärten. Die Spanier nannten diese Siedlungsform ‘pueblo’.

Ein Blick auf eine moderne archäologische Karte des heutigen Südwestens zeigt uns, dass Marcus de Niza in das Herz einer alten Kulturregion vorgestoßen ist, die damals ihre Blütezeit schon längst überschritten hatte. Sie breitete sich vorwiegend über das südliche Colorado-Plateau, dem oberen Einzugsgebiet des Rio Grande, sowie über den Nordosten Arizonas, den Nordwesten New Mexicos, den Südosten Utahs und über den Südwesten Colorados aus. Bewaldete Gebirgszüge, zerklüftete Tafelberge, sogenannte Mesas, weites, trockenes Grasland und Flussbette charakterisieren diese Landschaft. Diese Region liefert uns heute massenhaft Zeugnisse für eine konkrete Abfolge kultureller und architektonischer Traditionen, die sich noch heute bestaunen lassen können.

Die Korbflechter-Periode:
In der ersten Hälfte des ersten Jahrtausends kam es in dieser Region, bedingt durch Einflüsse aus Mittelamerika, zu einer Kulturrevolution. Die Navajo nannten diese Leute ‘anasazi’, was soviel heißt wie ‘die Alten’. Man wandte sich vom Nomadismus ab und begann sesshaft zu werden. Der Boden wurde urbar gemacht und man baute Getreide und Kürbisse an. Vom Sammeln und Jagen ließ man dennoch nicht ab, wobei aber Pfeil und Bogen immer noch unbekannt waren. Als Unterkünfte dienten in dieser Zeit bienenkorbartige, bis zu 3 m hohe Häuser mit zentralen Feuerstellen, die aus aneinander gereihten Holzpfählen im offenen Gelände errichtet und anschließend noch mit Erde bzw. Lehm verputzt wurden (Jacal-Technik). Diese Technik dürfte entweder aus dem Norden (Mississippi) stammen oder stellt eine eigenständige Entwicklung dar. Ca. 700 Jahre früher lebte man während der Wanderschaft und auf der Suche nach Nahrung noch unter Felsvorsprüngen oder in Höhlen. Die Nahrungsüberschüsse, die jetzt erwirtschaftet werden konnten, wurden nun in einfachen Vorratsgruben aufbewahrt. Landwirtschaft und Sesshaftigkeit zeichneten somit für die Entwicklung der Kunst, des Handwerks und der Religion verantwortlich. Flechttechniken und -formen mit komplizierten, farbenfrohen Designs wurden entwickelt, um Körbe, Taschen, Matten und Sandalen herstellen zu können.

Die frühe Pueblo-Periode:
Im 6. Jhdt. begann man zusehends Häuser, sogenannte Grubenhäuser, in den verschiedensten Formen zu bauen, wie sie zum Beispiel im Mesa Verde National Park, im Südwesten Colorados, zu finden sind. Ihr Grundriss konnte kreisförmig, rechteckig oder oval sein, die Wände wurden zusätzlich noch mit Steinplatten verkleidet und das Dach bestand aus Holz. In der Mitte des Gebäudes befand sich das sipapu, ein kleines Loch im Boden, das vermutlich als Symbol für jenes mythologische Tor zu betrachten ist, durch das, nach den Glaubensvorstellungen der Anasazi, die ersten Menschen aus der Unterwelt an die Oberfläche gelangten. Als Bauplätze bevorzugte man Höhlen und Felsüberhänge. Die Ancestral Puebloans, wie die Anasazi heutzutage korrekt zu bezeichnen sind, lebten zu diesem Zeitpunkt schon in kleinen, organisierten Gemeinden. Sie knüpften Handelsbeziehungen, domestizierten den Truthahn, kultivierten die Bohne und erfanden zwei neue Werkzeuge, die gebogene Axt und den gebogenen Schlegel. Im 8. Jahrhundert hielten Pfeil und Bogen Einzug, diese konnten aber die Lanze und den sogenannten ‘atlatl’, den Wurfpfeil, noch nicht gänzlich verdrängen. In dieser Periode entstanden auch die ersten Töpferarbeiten, die anfangs noch in schlichtem Grau gehalten wurden. Etwas später begann man die Arbeiten zu dekorieren und ebenso weiße Tonwaren in verstärktem Maße herzustellen, so dass diese den Korbflechtprodukten allmählich den Rang abliefen.

Die Klassische Pueblo-Periode:
Die Bevölkerung wuchs nun rasch an und größere Anbauflächen waren von Nöten. Man war daher gezwungen, die schützenden Felsvorsprünge und Höhlen zu verlassen und freie, weite Flächen aufzusuchen. Die Anasazi bauten ihre Häuser nunmehr in die Ebenen und fügten große Vorratsspeicher hinzu, die sich im hinteren Bereich des Hauses befanden. Sie errichteten ihre Siedlungen oder pueblos sogar nach konkreten Bauplänen, die Raum für Zeremonienplätze (Plazas) offen ließen. Die Häuser wurden halbkreis- oder l-förmig (Chaco Canyon) angeordnet und in Nord-Süd-Richtung ausgerichtet. Diese Pueblos konnten auch als ein einziges, durchgehendes Gebäude errichtet werden, dessen Anzahl der Räume in die Hunderte gehen konnte. Das Grubenhaus hingegen entwickelte sich zu einem gänzlich runden, teilweise unterirdischen Zeremonienhaus, ‘kiva’ genannt, das nur den Männern vorbehalten war. Am Beispiel von Chaco Canyon lässt sich wunderbar beobachten, dass es in dieser Zeit regelrechte Wirtschafts- oder Kultzentren gegeben haben muss, die zu ihren ‘Satellitenstädten’ mittels Signalstationen, die mit Signalfeuern und reflektierenden Obsidianblöcken ausgestattet waren, die Verbindung aufrecht erhielten. Sie dürften wahrscheinlich eine gemeinsame Ideologie, eine Religion, vertreten haben, die sich aus der Agrikultur, den astronomischen Beobachtungen, dem Wechsel der Jahreszeiten und aus der Hoffnung um Regen und somit um Fruchtbarkeit entwickelt hatten. Aufgrund des rapiden Bevölkerungswachstums mussten auch neue Techniken zur Optimierung der Landwirtschaft angewandt werden, so z.B. ging man zum Terrassenfeldbau über und verbesserte das Bewässerungssystem, indem man Wasserspeicher und Kanäle anlegte, zum Teil unterirdisch.

Die Töpferkunst war mittlerweile ebenso hoch entwickelt: mannigfaltige Gefäßarten mit unterschiedlichen Dekorelementen, zumeist schwarz auf weiß auf gewellten Oberflächen (Mesa Verde). Aus dem Süden hielt die Baumwolle Einzug in das Gebiet und der Webstuhl wurde eingeführt. Tägliche Gebrauchsgegenstände, wie z.B. Töpfe, Schüsseln, Messer und Baumwolldecken, die von Männern gewoben wurden, konnte man nun in großen Mengen und in beeindruckender Qualität herstellen. Ihren kulturellen Höhepunkt erreichten die Anasazi zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert.

Der Niedergang:
Was den plötzlichen Niedergang dieser Pueblobewohner verursachte, blieb aber bis heute ein Mysterium. Es gibt bis dato keinen schlüssigen Beweis dafür, dass aus dem Norden einfallende Athabasken (Navajo, Apachen) die Bevölkerung vertrieben hätten, auch nicht dafür, dass religiöse oder soziale Motive den Untergang gebracht hätten. Klimatologen haben heraus gefunden, dass zwischen 1276 und 1329 mehrere lange Dürreperioden herrschten. Vielleicht waren diese Ausschlag gebend dafür, dass die Anasazi verschwanden? Vielleicht war es auch eine Kombination von alledem? Die Gebäude aus der Zeit des 13. und 14. Jhdt. standen wieder unter hohen Felsvorsprüngen, die von außen schwer und nur auf Geheimwegen zugänglich waren. Die mehrstöckigen Häuser, errichtet aus bearbeitetem Sandstein, die Wände anschließend mit Lehm verputzt, gruppierten sich immer noch um offene Plätze, auf denen sich das alltägliche Leben wohl abgespielt haben dürfte. Darunter, über eine Leiter zu erreichen, befanden sich die ‘kivas’.

Die Anbauflächen legte man schließlich oben auf der Mesa an, das Wasser musste man aus Quellen herbei schaffen. Am Beispiel von Chaco Canyon konnte man letztendlich feststellen, dass in der Mitte des 12. Jhdt. eine Abwanderung eingesetzt hat und die Bevölkerung sich mit anderen Gruppen in Arizona und New Mexico vermischt haben dürfte. Mesa Verde wurde im späten 13. Jahrhundert aufgegeben, ebenso Siedlungen im Canyon de Chelly sowie in Kiet Siel im Nordosten Arizonas. Leider gibt es keine schriftlichen Aufzeichnungen, warum sie dies taten, denn die Anasazi besaßen, wie alle anderen Stämme Nordamerikas zu dieser Zeit, keine Schrift! Sie hinterließen jedoch viele Felsgravuren, wie man sie z.B. im Monument Valley, Arizona, finden kann! Bemerkenswert ist der sog. Newspaper Rock im Südosten Utahs, der eine Fülle an Tierdarstellungen zur Schau stellt. Vermutlich, um das Jagdglück beschwören zu wollen oder einfach nur um mit zu teilen, welche Jagdbeute es hier zu erlegen gibt, dürften diese Graffiti entstanden sein. Dass der Ort nicht nur in jener Zeit, sondern auch schon davor aufgesucht wurde, das zeigen die unterschiedlichen Verwitterungsstufen der einzelnen Tierbilder. Eine genaue Datierung fehlt jedoch.

Die ‘pueblos’ sind somit eindrucksvolle Monumente der kulturellen Ausdauer der Anasazi, ihrer Traditionen und ihrer Anpassungsfähigkeit! Sie sind Monumente einer Kultur, die es fertig brachte, sich ca. 1000 Jahre im amerikanischen Südwesten zu behaupten, fast annähernd solange wie das weströmische Reich in Europa! Die Anasazi gibt es zwar nicht mehr, aber sie leben dennoch weiter in den Hopi, die sich als ihre spirituellen Nachfolger betrachten, in den Kayenta und in den Zuni. Nationen, die auch heute noch in dieser alten Kulturregion leben.

 
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