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TASMANISCHE WILDNIS

VON GOTTFRIED BAUER

 
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Im Südwesten der größten australischen Insel liegt die große Region, die von der UNESCO als Weltnaturerbe geschützt worden ist. Dieses Gebiet umfasst rund 20 % des Bundesstaates und ist mit Sicherheit der interessanteste Teil Tasmaniens, heute weltweit als eine der besterhaltenen Wildnisregionen der Erde international anerkannt.

Doch auch hier mussten die Naturschützer um die Erhaltung und den Schutz der Regenwälder erbitterte Kämpfe austragen. In den späten 60er und frühen 70er Jahren führten die Bemühungen von Buschwanderern und Naturschützern, am Lake Pedder im südwestlichen Teil des Staates ein Wasserkraftwerk zu errichten, zur Gründung der ersten Grünpartei der Welt. Der Kampf um Lake Pedder ging zwar letztlich verloren, aber die Lektionen, die aus diesem Streitpunkt gelernt wurden, waren etwa 10 Jahre später doch noch von Nutzen.

Kampf und den Franklin River

1981 wurde der Franklin Gordon Wild Rivers Nationalpark gemeinsam mit Cradle Mountain – Lake St. Clair sowie dem Southwest Nationalpark nach intensiven Bemühungen der tasmanischen Wilderness Society von der UNESCO unter Schutz gestellt. Man strebte die Listung als Weltnaturerbe an, um den erneuten Bau eines Staudamms, diesmal am Unterlauf des Franklin River zu verhindern. Im gleichen Jahr führte die tasmanische Regierung eine Volksbefragung über den genauen Standort dieses Damms durch, 46 % der Wähler schrieben auf den Wahlzettel dabei ‚Kein Damm’, obwohl sie von vornherein wussten, dass ihre Stimme damit ungültig sein würde. Dies war ein Anzeichen dafür, dass der Widerstand in der Bevölkerung gegen die Zerstörung der westlichen Wälder – und sei es nur ein kleiner Teil davon – größer als erwartet war. Durch diese Streitigkeiten war das Parlament in Hobart in große Schwierigkeiten gekommen – sowohl der Premierminister als auch der Oppositionsführer stolperten über die Angelegenheit. Der neue Premierminister wollte sogar die Ernennung zum Weltnaturerbe rückgängig machen und ließ die Bagger anrollen. 1982 begannen die Bauarbeiten und fast gleichzeitig machten auch die Demonstranten mobil und errichteten ein Lager in der nächstgelegenen Stadt Strahan. Die Wilderness Society organisierte die friedliche Blockade des Franklin River, doch die tasmanische Regierung peitschte ein Gesetz durch, das auch die Festnahme von friedlichen Demonstranten erlaubte. Im tasmanischen Sommer zur Jahreswende 1982/83 kam es zu 1400 Verhaftungen und die Weltöffentlichkeit wurde auf den Franklin River aufmerksam. Das führte letztlich dazu, dass die Thematik auch im Wahlkampf auf Bundesebene zu einem bedeutenden Punkt wurde. Die Labour Party gewann schließlich mit ihrer Absage an den Dammbau die Wahl und der neue australische Premierminister Bob Hawke ließ den Bau stoppen. Noch heute zieht sich ein Graben durch die tasmanische Gesellschaft – Holzfäller und Farmer auf der einen Seite kämpfen gegen die politisch starken Umweltschützer.

Ironischerweise ist die Hochburg der Grünen in der Hauptstadt Hobart, während grade in den dünn besiedelten, unberührten Regionen der westlichen Wälder viele Menschen für eine weitere wirtschaftliche Erschließung des Landes eintreten. Dies führte vor wenigen Jahren sogar zu einem öko-terroristischen Akt, als eine bislang nicht klar ausgemachte Gruppe systematisch Füchse nach Tasmanien brachte. Auf dem australischen Festland hatte der europäische Fuchs schon verheerende Schäden in der heimischen Fauna angerichtet, doch Tasmanien war bis vor wenigen Jahren frei von diesem Räuber, sodass es hier weiterhin große Bestände nicht nur des Beutelteufels, sondern auch des Beutelmarders, eines katzenähnlichen, fleischfressenden Beuteltiers gibt. In wieweit sich die Einfuhr von Füchsen auf diese Situation auswirken wird, kann man erst in wenigen Jahren sagen, aber es scheint, als hätten sich die Füchse in manchen Gebieten des zentralen Tasmanien bereits etabliert. Eine Seuche unter den Beutelteufeln begünstigt das Ausbreiten von Meister Reineke.

20 % der Insel sind Weltnaturerbe

Doch zurück zu den Wildnisregionen, die heute vielleicht das kräftigste Argument der tasmanischen Fremdenverkehrswerbung darstellen. So wird etwa der Cradle Mountain Nationalpark von der UNESCO als einer der wertvollsten Naturräume der Welt eingestuft. Bestandteile dieser ungemein imposanten Region sind zerklüftete Gipfel, bewaldete Steilschluchten, Moore, Regenwald und eiszeitliche Seen. Erosion durch Gletscher und Wasser ließ vor rund 500.000 Jahren Täler und Seen entstehen. Von diesen lange zurückreichenden Zeiten zeugt die Tatsache, dass manche hiesigen Pflanzen näher mit der Flora Neuseelands und Südamerikas verwandt sind, als mit denen des australischen Festlands. Als ‚Vater’ des Cradle Mountain Nationalpark gilt übrigens ein Österreicher: der Naturforscher Gustav Weindorfer, der 1911 im Cradle Valley sein Waldheim Chalet errichtete. Noch heute ist das Haus, das bis 1975 als Hotel genutzt wurde, zu besichtigen – nur wenige Kilometer von Cradle Mountain entfernt. Wer beim Hotel am Cradle Moutain zur Dämmerstunde unterwegs ist, hat auch die Chance, unzählige Tierarten zu beobachten: Neben den bereits erwähnten Beutelteufeln und –mardern trifft man hier auch viele der possierlichen Wombats an, die nächsten Verwandten der Koalas.

Mit ein wenig Glück kann man in den Bächen der Gegend sogar das Schnabeltier beobachten, das vielleicht kurioseste Tier der so einzigartigen australischen Fauna. Es vereinigt die Eigenschaften ganz verschiedener Tiere in sich und wird oft als fehlendes Bindeglied beim Übergang von Reptilien auf Säugetiere angesehen. Es ist nur eines von zwei eierlegenden Säugetieren, auch der zweite Vertreter dieser sog. Monotremata oder Kloakentiere ist in der tasmanischen Wildnis anzutreffen, und das sogar häufig: der Schnabel- oder Ameisenigel. Für die australischen Buschwanderer ist Cradle Mountain ein Mekka: Hier beginnt der etwa 80 km lange Overland Track zum Lake St. Clair, dem mit bis zu 200 m tiefsten australischen Süßwassersee. Hier wie am Cradle Mountain kann man die außergewöhnliche Flora bewundern: Mehrere Arten von Proteen, die man nur auf Tasmanien findet, sind eben so vertreten, wie das besonders für die Hochebenen charakteristische Knopf- und Riedgras. An der zerklüfteten Westküste wächst der berühmteste Baum Tasmaniens: die Huon Kiefer. Sie war schon den frühen Siedlern bekannt, weil ihr Holz besonders widerstandsfähig ist und kaum verrottet.

Aus diesem Grund wurde der nur sehr langsam wachsende Baum in den ersten Jahrzehnten der europäischen Besiedlung rücksichtslos abgeholzt. Doch einige der ältesten Exemplare haben sich erhalten, auf der Bootstour am Macquarie Harbour kann man eine 2.500 Jahre alte Huon Pine besichtigen. Die Nachfrage nach dem Holz führte schon 1822 zur Gründung der Sträflingskolonie von Sarah Island. Heute steht die Huon Pine unter strengstem Schutz, sodass man ohne schlechtem Gewissen Andenken aus dem schönen Holz kaufen kann: Diese sind aus Bäumen gefertigt, die in Stauseen stehen und nur dank der besonderen Widerstandskraft noch nicht verrottet sind.

 
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