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ADIVASI: DER INDISCHE SUBKONTINENT

VON DR. FRITZ TRUPP

 
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Indische Stammesvölker, die nicht zu einer der großen Religionen wie dem Hinduismus, Islam oder Christentum gehören, werden als 'Adivasi' oder 'Ureinwohner' bezeichnet. Unter diesem Hindu-Wort, das wörtlich 'die ersten Bewohner' bedeutet, sammelt man heutzutage eine Vielzahl von Stämmen, die den indischen Subkontinent schon in grauer Vorzeit in Besitz genommen haben.

Zunächst besiedelt von einer nicht-arischen Bevölkerung, gefolgt von dravidischen Gruppen und letztlich von Angehörigen indogermanischer Sprachgemeinschaften: Indien mit seinen uralten wie auch besonders reich gewachsenen Kulturen und Religionen ist auch ethnisch ein sehr komplexes Gebilde.Viele Ströme fremder Eroberer sind über den Subkontinent hinweggegangen: Indo-Arier kamen aus dem Iran, griechische Fürstentümer breiteten sich bis zum Indus aus, zentralasiatische Reitervölker wie Skythen und Parther errichteten ihre Reiche auf indischem Boden. Aus Hinterindien wanderten Munda sprechende Völker ein. Christen und Juden gelangten an die indische Westküste, bald darauf folgten arabische Seekaufleute. Alle brachten ihre Kunst und Kultur mit.

Im Laufe der Geschichte kam es immer wieder zu Verschmelzungen der in Stammeskulturen wurzelnden Anschauungen mit Vorstellungen der Hindus oder Moslems und umgekehrt. Dieses Phänomen wird besonders deutlich an Beispielen indischer Kunsttraditionen, die eine jahrtausendealte kulturelle Kontinuität aufweisen. So zeigen Darstellungen an den berühmten Steinfiguren von Sanchi und Konarak oder an den Fresken von Ajanta ganz bestimmte Schmuckformen, die heute noch von den Frauen mancher Stämme verwendet werden. So sehr sich die Adivasi in Sprache, Kultur und Lebensweise unterscheiden, sie weisen doch viele Gemeinsamkeiten auf: Sie kennen keine Kasten und glauben nicht an Wiedergeburt, Frauen sind weitgehend gleichberechtigt und können den Ehepartner frei wählen, ein im indischen Alltag sonst undenkbares Privileg, wo Ehen nach islamischem oder hinduistischem Recht immer arrangiert werden. Die meisten Adivasi verzichten auf das System der Mitgiftzahlung, dem viele Familien den finanziellen Ruin verdanken und dem tausende junge Frauen durch Mitgiftmorde zum Opfer gefallen sind. Adivasi feiern gerne und nehmen jede Gelegenheit wahr, ihre Verwandten, Ahnen und Götter ein zu laden. Manchmal werden zu Ehren der Götter Büffel geopfert und nicht selten endet ein Fest mit einem Zechgelage, bei dem Palmwein und selbst gebrannter Schnaps bis zum Morgengrauen in Strömen fließt. Diese so gänzlich im Widerspruch zur Hindu-Gesellschaft stehenden Lebensformen lassen Stammesvölker, die Kuhfleisch essen, alkoholische Getränke genießen und gewisse sexuelle Freiheiten besitzen, in den Augen der indischen Beölkerung als 'unrein' und barbarisch erscheinen. Im Laufe der Jahrhunderte wurden die Adivasi von der hinduistischen Landbevölkerung in unterschiedlichem Grad assimiliert oder in unwirtliche Dschungel- oder Trockengebiete abgedrängt. Ihre Religion und Lebensweise hat viele Elemente des Hinduismus übernommen und oft verschwimmen die Grenzen zwischen Stammes- und Kastengesellschaft. Häufig wurden sie auf der untersten Stufe in das Kastensystem aufgenommen und fristen ein armseliges Dasein am Rand der nationalen Entwicklung. Obwohl die Stammesvölker Indiens fast überall um ihr Überleben kämpfen, gibt es neben der von Hinduismus und Islam geprägten indischen Volkskultur noch immer relativ isolierte Enklaven, die von den Hochreligionen nur wenig berührt worden sind. Diese letzten Naturvölker, die dem Druck religiöser Eiferer und aggressiver Fortschrittsapostel stand gehalten haben, verehren die Beseeltheit der Natur und huldigen lokalen Gottheiten. Eine wichtige soziale und religiöse Rolle spielen rituelle Praktiker, die als Krankenheiler, Priester oder Schamanen verschiedene Aufgaben erfüllen. Ihre künstlerischen Äußerungen, die sich in Schmuck, Kleidung, Architektur ebenso wie in Musik und Tanz manifestieren, haben fast immer eine rituelle Funktion und sind Gaben für Ahnen und Götter. In Indien, wo die Tradition des Schmückens besonders ausgeprägt ist, kommt dem Stammesschmuck darüber hinaus eine besondere Bedeutung als Symbol ethnischer Identität zu.

Nasenschmuck als islamisches Erbe
Das Schmücken der Nase mit verschiedenem Zierrat war ursprünglich in Indien nicht gebräuchlich; dieser Brauch geht wahrscheinlich auf islamische Einflüsse zurück. Das älteste Bilddokument, das die Verwendung von Nasenschmuck zeigt, findet sich auf einer Miniaturmalerei aus der Moghulzeit. Inzwischen ist diese Schmucktradition unter allen Bevölkerungsgruppen verbreitet und gilt als fester Bestandteil indischen Hochzeitsschmucks. So wie Ohrringe haben auch Nasenringe die Aufgabe, den Körper vor dem Eindringen böser Kräfte zu schützen.

Körperschmuck, den niemand nehmen kann: Rabari-Frauen von der Halbinsel Kutch verwenden Tätowierungen an allen sichtbaren Stellen des Körpers. Sie schmücken ihre Hände und Füße, den Hals, das Gesicht und die Brust mit Glück verheißenden Zeichen. So schützt das Swastika, ein uraltes Hindu-Symbol, gegen den bösen Blick und hält Unheil fern. Die traditionellen Muster werden mithilfe einer Nadel und schwarzer Tusche, einer Mischung von Ruß und Pflanzensäften, in die Haut geritzt. Manche Tattoo-Motive kann man auch als Stickereien auf Textilien oder an Wänden von Lehmhäusern wiederfinden.

Künstlerinnen der Wüste
Die Frauen aus der westlichen Thar-Wüste bemalen die Wände ihres Gehöfts. Mehrmals im Jahr, besonders vor dem großen Frühlingsfest oder vor Divali, dem Neujahrsfest der Hindus, entwickeln sie sich zu wahren Künstlerinnen: Die alten Ornamente an den Lehmwänden werden mit frischer Farbe restauriert, neue Muster mit geometrischen, Glück bringenden Symbolen werden kreiert, und oft muss der Malgrund, eine Mischung aus Lehm und Kameldung, neu aufgetragen werden.

Armschmuck
Für die Nomaden und Hirtenvölker im nordwestlichen Indien haben Armreifen eine besondere Bedeutung. Sie sind Teil der Mitgift und ihre Anzahl wird bei zeremoniellen Anlässen vorgeschrieben. Nur verheiratete Frauen tragen auch auf dem Oberarm Armreifen. Die magische Wirkung dieser Armreifen soll den bösen Blick abwehren und die Geburt erleichtern.

 
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